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Avatar of Jesco Groschek Jesco Groschek - 28. Mai 2015 - Allgemein, Arbeit, Ausbildung, Bildung, Bündnisarbeit, Jugend, Kommunalpolitik, Schule, Soziales

Solidarität ist keine Einbahnstraße!

Morgens um 6:27 Uhr irgendwo in einer Neubausiedlung im Raum Düsseldorf. Die Mutter des kleinen Konstantin ist schon vor geraumer Zeit von ihrem Fahrer abgeholt worden. Der Vater versucht gerade verzweifelt das Frühstück für die Kinder zuzubereiten, ohne sein neues Seidenhemd zu besudeln. Die Nanny kommt erst ab 12, also muss Konstantins Vater ihn heute mal wieder vor der Arbeit bei der Oma absetzen und noch dazu eine halbe Stunde später ins Büro fahren – welch ein Drama! Und das alles nur weil diese Erzieher*innen streiken! Würde man den fiktiven und zugegeben vor Sterotypen nur so strotzenden Vater dazu interviewen, klänge das aller Wahrscheinlichkeit nach in etwa so: „Dass die armen FRAUEN in den Kindergärten streiken kann ich schon verstehen. Die machen ja auch einen guten Job! Aber muss es denn jetzt noch eine Woche länger sein? Überhaupt hätte man uns ruhig mal früher informieren können. Wir waren ja absolut nicht darauf vorbereitet. Und die Gebühren, die wollen wir auf jeden Fall erstattet haben!”

In diesem „rein fiktiven“ Einstieg stecken einige Kernaussagen der momentanen Streiklage. Eins muss dabei unmissverständlich klargestellt werden: Es geht nicht allein um mehr Gehalt. Dass die Gemengelage hinter dem Streik viel komplexer ist, möchte ich in den nachfolgenden Zeilen kurz skizzieren.

„Wer ist eigentlich diese Erzieher*in?” Wikipedia (ihres Zeichens die verlässlichste Quelle in diesem Internetz) definiert Erzieher*innen wie folgt: „Erzieher sind pädagogische Fachkräfte, die eine Ausbildung an einer Fachschule, einer Fachakademie oder einem Berufskolleg durchlaufen haben.” Eine ziemlich dürftige Definition. Hier mal mein Versuc: „Erzieher*innen sind pädagogische Fachkräfte, die eine qualitativ hochwertige (schulische-)Ausbildung durchlaufen. Einmal im Beruf, haben sie ein Aufgabenfeld, das größer ist als das eines Bauern/einer Bäuerin im Münsterland. Zu den Aufgaben gehören:

  • Kinder betreuen
  • Kinder bilden
  • Kinder erziehen
  • Kinder pflegen
  • Pädagogische Konzepte ausarbeiten
  • Pädagogische Konzepte umsetzten
  • Die Grundlage kompletter Bildungswerdegänge schaffen
  • Die Einrichtung sauber halten
  • Kellner*innen spielen
  • Tränentrockner*in sein
  • Wundheilpuster*in sein
  • Elternarbeit
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Künstler*in sein
  • Techniker*in sein
  • Diplomat*in sein
  • etc…

Das alles tun sie gerne und mit Herzblut und stets über die regulären Arbeitszeiten hinaus. Wer Glück hat, kommt im öffentlichen Dienst unter und kann sich über ein Bruttoeinstiegsgehalt von 2.221,21 € freuen. Natürlich nur wenn Er/Sie eine Vollzeitstelle bekommt. I.d.R sind die Verträge befristet und man muss jedes Jahr auf einen neuen hoffen. Hinzu kommt massiver Druck von gesellschaftlicher und politischer Seite. Gehörsturz und Bandscheibenvorfall gibt es nach spätestens 10 Berufsjahren gratis dazu.”

Ich hoffe man erkennt deutlich meine Ironie an dieser Stelle, für alle Sheldon Coopers da draußen: IRONIE. Aber um mal wieder ernster zu werden: Der/die findige Betrachter/in merkt bereits worauf ich abziele. Mehr Gehalt? Na klar! (Aber bitte nicht nur der Männer wegen!) Wichtiger als eine bessere Eingruppierung ist den Erzieher*innen quer durch unser Land jedoch die Anerkennung! In Deutschland hat sich der Bereich der Frühpädagogik spätestens seit dem PISA-Schock stark professionalisiert. Das war und ist auch noch immer bitter nötig. Bei unserer immer heterogener werdenden Gesellschaft, die längst in eine Vielzahl diffuser Milieus aufgesplittert ist, ist dieser Wandlungsprozess unabdingbar. (Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland ohnehin stark hinterher, was Forschung und Professionalisierung der Frühpädagogik angeht.) Das Berufsfeld der Erzieher*innen hat sich gewandelt, ihre Aufgaben sind mannigfaltig und höchst anspruchsvoll geworden. Obschon das Wort „Kindergarten“ noch in aller Munde ist, ist es inzwischen vollkommen deplatziert. Erzieher*innen sind KEINE Kindergärtner*innen, die unsere Kleinsten (= unsere Zukunft) „aufbewahren“ bis diese endlich bei den „richtigen” Pädagog*innen in der Schule ankommen. Sie sind pädagogische und professionell ausgebildete Fachkräfte, die verdammt noch mal auch als solche wahrgenommen werden müssen! Darum geht es, um ein richtiges Bild in der Gesellschaft, um die Honorierung dieses extrem anstrengenden und wichtigen Berufes. Ferner geht es um Solidarität. Solidarität mit Arbeinehmer*innen, die sich im Arbeitskampf befinden. Solidarität mit Menschen, die für ihre Belange einstehen und einstecken. Denn der öffentliche Druck wird von Woche zu Woche größer.

Natürlich ist es für die betroffenen Eltern schwer. Wohin mit den Kindern? Aber macht bitte nicht die Erzieher*innen dafür verantwortlich, liebe Eltern! Zeigt euch solidarisch und gebt den Menschen etwas zurück, die sich täglich um eure Kinder kümmern, die für eure Kinder da sind. Es ist an der Zeit, den Spieß umzudrehen und nun für die Erzieher*innen da zu sein. Viele Eltern sehen das zum Glück auch genauso, denn nur gemeinsam können Eltern und Erzieher*innen konstruktiv das Beste für die Kinder schaffen. Liebe Eltern, liebe Erzieher*innen, lasst keinen Keil zwischen euch treiben. Denn beide Seiten haben doch nur eines im Sinn: Das Beste für ihre Kinder.

Vor allem fehlt mir ein ganz wichtiges Argument in der öffentlichen „Zankerei” um den Streik: Wer sorgt sich denn um die Kinder? Denn schlimmer als für die Eltern oder die Arbeitgeber ist der Streik für die betroffenen Kinder. Doch auch wenn genervte Elterninitiativen gerne das Gegenteil behaupten und ihre Kinder sogar dafür instrumentalisieren, Erzieher*innen machen sich permanent darüber Gedanken und haben ein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern. Jedoch liegt der Ball hier klar bei den Eltern, denn diese müssen ihren Kindern erklären, warum genau sie nicht in die KiTa können und zwar so, dass sie es verstehen. Da schließt sich dann der Kreis. Denn diese Aufgabe der Eltern impliziert, dass sich diese mit der Thematik auseinander setzen. An dieser Stelle möchte ich nochmals eine Lanze für die Vielzahl von Eltern brechen, die sich stark machen für und mit den Erzieher*innen.

Richtig ist aber auch, Erzieher*innen streiken im Sinne der Kinder. Denn ohne fehlende Wertschätzung, gerechte Eingruppierung und generelle Aufwertung ist nicht gewährleistet, dass Kinder die bestmögliche frühkindliche Förderung bekommen. Doch et is wie immer – ohne Moos nix los! Wovon sollen Erzieher*innen bezahlt werden? Wie soll sowohl die Quantität als auch die Qualität der Einrichtungen ausgebaut werden? Ja wie bloß? Jedenfalls nicht durch einen öffentlichen Haushalt der „Schwarzen Null“ oder eine unsinnige Schuldenbremse. Landläufiger Konsens ist doch: Kinder sind unsere Zukunft. Und Zukunft gibt´s nicht für lau! Also hoch die Solidarität, keep calm and love Arbeitnehmer*innenkampf!

Jesco Groschek

Autor

Jesco Groschek

Beisitzer

jesco.groschek@nrwjusos.de
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