Blog

Avatar of Felix Eggersglüß Felix Eggersglüß - 12. Mai 2015 - Allgemein, Nachhaltige Wirtschaftspolitik, Ökologie, Soziales, Umwelt, Umwelt & Energie, Wirtschaft

Nachhaltiges Wachstum ist die rote Zukunft

Die Synthese von sozialistischer Kapitalismuskritik und ökologischer Aufklärung innerhalb der Sozialdemokratie zeigt: Unsere Gesellschaft kann wirtschaftlich nicht so weiter wachsen wie bisher. Trotzdem müssen wir an Zielen des sozialen Fortschritts festhalten. Deswegen brauchen wir gleichzeitig grünes und soziales Wachstum, das wir als nachhaltiges Wachstum bezeichnen sollten.

Von ambivalenter Kapitalismuskritik zum Ziel des sozialen Wachstums

Die Kritik am kapitalistischen Wachstum hat für die ArbeiterInnenbewegung eine identitäre Geschichte. In der Tradition des Demokratischen Sozialismus fiel das Urteil über Wachstum als Produktion von gesellschaftlichem Mehrwert meist ambivalent aus: Einerseits folgte aus der Industrialisierung nach kapitalistischer Logik, dass hiermit Massenarmut und Entfremdung des Menschen einhergingen, wie es Karl Marx und Friedrich Engels herausgearbeitet haben. Andererseits ist der Kapitalismus gerade aus marxistischer Sicht ein Gesellschaftssystem von zuvor nicht gekannter Leistungsfähigkeit. Seine Produktivkräfte konnten den Feudalismus zerstören und vorher unvorstellbaren gesellschaftlichen Reichtum erzeugen, der sich allerdings auf die herrschende bürgerliche Klasse konzentrierte. Marx und Engels prophezeiten, dass sich der Kapitalismus früher oder später selbst überwinden würde, weil er Produktivkräfte (wie Maschinen, Technik) hervorbrächte, die seine Logik sprengten. Im Vertrauen auf diesen „großen Kladderadatsch“ setzte die deutsche Sozialdemokratie mit ihren Gewerkschaften im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert auf eine Doppelstrategie: Zum einen wollte sie die konkreten Problemlagen der ausgegrenzten ArbeiterInnen nicht ignorieren. Zum anderen hielt sie mehrheitlich große ‚reformistische’ Systemveränderungen für unmöglich – obwohl schon das damalige sozialdemokratische Minderheitslager der RevisionistInnen um Eduard Bernstein auf einen solchen Reformismus setzte. Aus Erstem folgte, dass die SPD und die sozialistischen Gewerkschaften die Forderung nach einem allgemeinen und freien Wahlrecht sowie Verbesserungen in den Betrieben realpolitisch voranstellten. Letzteres bedeutete jedoch, dass eine Mehrheit innerhalb der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung die Verwirklichung einer Gesellschaft der Freien und Gleichen erst nach der sozialistischen Revolution für möglich hielt. Dass es irgendwann schon gewaltig krachen werde, glaubte August Bebel sein ganzes Leben lang – bis zu seinem Tod 1913.

Was jedoch folgte, war die erneut bürgerliche Novemberrevolution 1918, die es der
(Mehrheits-)Sozialdemokratie abverlangte, von Beginn an uneingeschränkt für die neuen demokratischen Errungenschaften einzutreten: auf der einen Seite im Kampf gegen reaktionäre MonarchistInnen und NationalistInnen, auf der anderen in Konkurrenz zu den zunehmend fremdgesteuerten KommunistInnen. Die reale ‚reformistische’ Gestaltung der kapitalistischen Welt hatte in der sozialdemokratischen ArbeiterInnenbewegung jetzt klar die Oberhand gewonnen. Die Kritik am System trat realpolitisch zurück, auch wenn sie in der Sozialdemokratie – gerade unter den JungsozialistInnen – weiterhin ideologische Bedeutung hatte („Republik das ist nicht viel, Sozialismus heißt das Ziel“). Sozialer Fortschritt innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaft – das erschien jetzt machbar, zumindest für die vielen (leider noch ausschließlich männlichen) Sozialdemokraten, die in Reichs- oder Landesregierungen, aber auch in Betriebsräten und Gewerkschaften Ämter inne hatten. Schon zu Zeiten der Weimarer Republik hatten sich also innerhalb der sozialdemokratischen (Regierungs-)Praxis die Schlussfolgerungen verändert, die aus der marxistischen Kapitalismuskritik gezogen wurden. Auch wenn der Kapitalismus noch immer mit Argwohn betrachtet wurde, so erschien er nicht mehr in erster Linie als unabdingbar ausbeuterisches System, das sich bald selbst überwinden würde. Stattdessen packte die Sozialdemokratie die fortschrittliche Seite des Kapitalismus beim Schopfe: Sie sah dessen wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und versuchte, das kapitalistische Grundübel – wonach der Mehrwert der Produktion den KapitalistInnen zugeführt wird – durch Reformen in den Griff zu bekommen. Es ging ihnen einerseits um betriebliche Beteiligung der ArbeiterInnen am erzeugten Mehrwert, andererseits um den Ausbau des bisher Bismarckschen Sozialstaats. In der Nachkriegszeit – also nach der großen sozialdemokratischen Leerstelle während der Naziherrschaft als den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte – wurde die sozialdemokratische Position zu kapitalistischem Wachstum und Fortschritt anfangs wieder offener diskutiert. Doch spätestens mit dem Beschluss des Godesberger Programms 1958 erfuhren diese Diskussionen einen Einschnitt: Auch auf der Ebene des SPD-Grundsatzprogramms wurde jetzt eine rein reformistische Position zum Kapitalismus verankert. Kurzum: Kapitalistisches Wirtschaftswachstum galt jetzt als potenzielle Quelle von sozialem Fortschritt, wenn denn der Mehrwert der Produktion betrieblich und gesellschaftlich mit der ArbeiterInnenschaft fair geteilt würde. Das Credo war: Kapitalistisches Wachstum muss als soziales Wachstum verwirklicht werden. Dieses Wachstumsverständnis ist in der Sozialdemokratie bis heute sehr präsent, doch erfährt es spätestens seit Mitte der 70er Jahre gut begründeten Widerspruch.

 Von Wachstumsskepsis und Umweltschutz zu Konzepten des grünen Wachstums

Die späten 60er und frühen 70er Jahre waren eine Hochphase der sozialdemokratischen Gestaltung: Zum einen, weil die SPD ab 1966 erstmals in der Bundesregierung vertreten war. Zum anderen, weil der Aufwind für die SPD („Genosse Trend“) auch konzeptionell beflügelt wurde: In der abklingenden Zeit des sehr marktorientierten „Wirtschaftswunders“ setze die Sozialdemokratie auf klare Gegenmodelle für neues Wachstum. Politische Planung der Gesellschaft und besonders Karl Schillers keynesianische Globalsteuerung sollten neuen Fortschritt bringen. Diese neuen Konzepte setzten auf die Chancen aufkommender
(Computer-)Technologie und die Umsetzung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Auf dieser Grundlage, so dachten damals nicht nur SozialdemokratInnen, ließe sich die Wirklichkeit besser analysieren und verändern. Durchaus mechanisch gedacht sollten politische Ziele schlichtweg „von oben“ durchgeplant und umgesetzt werden (z.B. beim Ziel der Vollbeschäftigung). Bei diesen hochgesteckten Zielen blieb der Erfolg der Planungseuphorie aus. Damit scheiterte auch die Hochphase des bundesdeutschen Keynesianismus – an sich selbst und an anderen. Die steigenden Rohstoffpreise führten bis 1973 zur ersten Ölkrise. Hinzu kamen Lohn-Preis-Spiralen, die neues Wirtschaftswachstum zusätzlich erschwerten. Die politischen Maßnahmen der inzwischen sozial-liberalen Bundesregierung konnten dem wirtschaftlichen Negativtrend nicht so recht entgegenwirken. Die vorher vielversprechenden, damals „hochmodernen“ Rechenzentren u.a. im Kanzleramt hatten bis dato mehr Chaos als Nutzen gestiftet. Außerdem konnten die in allen Ministerien neu eingerichteten Planungsabteilungen ihre Kernaufgabe kaum erfüllen, v.a. weil sie stark vom politischen Tagesgeschäft absorbiert wurden. Was die keynesianische Globalsteuerung angeht, hatten die Großinvestitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung kurzfristig nicht den gewünschten Wachstumseffekt erzielt. Auch die neuartige politische Abstimmung zwischen Staat, ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen entfaltete keine wirklich positive Dynamik. Was die politische Arbeitsweise von Willy Brandts sozialdemokratisch geführter Bundesregierung angeht, kam ein weiteres Problem hinzu: Das bekannte Versprechen aus Willy Brandts Regierungserklärung 1969 – „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ – war von ihm ausdrücklich auf die Stärkung der repräsentativen Demokratie bezogen worden. In der Zivilgesellschaft wurde dieser Satz jedoch – bis heute – falsch verstanden, nämlich als Versprechen zu mehr direktdemokratischer Beteiligung. Diese Erwartungshaltung kollidierte diametral mit der „von oben“ verordnenden planerischen Politik, mit der die Bundesregierung soziales Wachstum durchsetzen wollte.

In der beschriebenen Krise des bundesdeutschen planerisch-keynesianischen Wachstumsmodells nahm eine zweite Entwicklung ihren Anfang: 1972 wurde die schon heute klassische Studie „Die Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome veröffentlicht. In aller Schärfe wandte sich die Studie gegen das Wirtschaftswachstum, von dem bisher v.a. die Industrieländer profitiert hatten. Die Studie rechnete hypothetisch vor, dass viele der benötigten Ressourcen (wie seltene Metalle etc.) schon in wenigen Jahrzehnten aufgebraucht wären. Der Tenor war klar: Auf einem materiell begrenzten Planeten könnte es kein unbegrenztes Wachstum geben. Eine weitere desaströse Folge von Industrialisierung und Kapitalismus wurde damit beleuchtet: Wirtschaftliches Wachstum zerstörte zunehmend seine eigene ökologische Grundlage. (Schon Marx hatte davon gesprochen, dass der Kapitalismus eine Tendenz hat, seine eigene Grundlage zu zerstören: den „Arbeiter und den Boden“.) In der bundesdeutschen Zivilgesellschaft fand diese Botschaft großen Widerhall. Zuerst in den Bürgerinitiativen, die noch aus der 1968er Bewegung hervorgegangen waren. Später, ab Ende der 1970er Jahre, in der anschließenden grünen Bewegung (mit dem Dreiklang von Umwelt-, Friedens- und Frauenbewegung). Diese Protestbewegung mündete in der Gründung der grünen Partei. Aber von Beginn an war sie auch mit dem sozialdemokratischen Milieu verbunden: So waren die Jusos stark in die Anti-AKW-Proteste involviert, auch prominente SozialdemokratInnen wie z.B. Erhard Eppler, Jo Leinen oder später Monika Griefhahn waren hier eingebunden. Der Mainstream der Umweltbewegung zeichnete sich in den 1970er und 1980er Jahren v.a. durch sein begründetes Dagegensein aus: gegen Atomkraft, gegen die Zerstörung der Natur, gegen Schadstoffe – und allgemein auch irgendwie gegen den Kapitalismus. Lange blieb die grüne Bewegung eine „Alternative ohne Alternative“, wie der konservative Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann spöttisch anmerkte. Das einzige nennenswerte Alternativkonzept kam vom DDR-Dissidenten Rudolf Bahro. Es kann heute als Vorläufer für Postwachstumskonzepte (auch „Degrowth“) gelten. Bahro schlug vor, dass sich die Menschheit in lokal organisierte und selbstversorgende Gemeinschaften zurückziehen sollte. Die Verhältnisse müssten nicht konserviert, sondern sogar zurückgebaut werden. Zurück in die Höhle! – So ließe sich die Zielrichtung von Bahros Konzepts polemisch überspitzen. Eine theoretische Synthese aus dem Umweltschutzgedanken und dem Ziel des gesellschaftlichen Fortschritts hatte das grüne Milieu lange nicht zu bieten. Nachträglich wurde diese konzeptionelle Verbindung innerhalb der Sozialdemokratie erarbeitet: Erste stimmige Gegenmodelle zu erzkonservativen, ja reaktionären Modellen des organisierten gesellschaftlichen Rückschritts lieferten v.a. Hermann Scheers Sammelband „Solarzeitalter“ und Ernst Ulrich von Weizäckers „Erdpolitik“ (beide 1989). Mit diesen Veröffentlichungen wurde ein grüner Wachstumsbegriff fundiert, der die Frage ins Visier nahm: wie die Produktion von gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Mehrwert vom Verbrauch endlicher Ressourcen abgekoppelt werden kann? Ein politisches Ziel, das sich schon sehr früh in SPD-Willensbekundungen niederschlägt. Nicht umsonst trug das SPD-Wahlprogramm von 1990 den Titel: „Der neue Weg. Ökologisch, sozial, wirtschaftlich stark.“

Die Realität des grünen Wachstums und der Konflikt mit sozialen Zielen

1992 sind auf der Rio-Konferenz die ersten politischen Konsequenzen aus dem menschengemachten Klimawandel gezogen worden. Heute, fast 25 Jahre danach, stecken wir schon mitten im ökologischen Transformationsprozess – allen partiellen Rückentwicklungen und Stagnationen zum Trotz. 1991 wurde das erste Einspeisevergütungsgesetz für Erneuerbare Energien (hier v.a. Windkraft) von Hermann Scheer angeregt und überparteilich vom Bundestag beschlossen. Zehn Jahre später ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) umgesetzt worden, das inzwischen die Strukturen der Stromerzeugung grundlegend verändert hat. 2014 wurde ein Viertel unseres Stroms mit Erneuerbaren Energien gewonnen. Weil diese Energie jedoch von Sonnenschein und Wind abhängig ist, haben die Erneuerbaren die Preise an den Strombörsen durcheinandergebracht. Die großen Entwicklungsdefizite bei Speicher-, Vernetzungs- und Umwandlungstechnologien stechen jetzt sehr klar heraus. Neben der „schöpferischen Zerstörung“ (Joseph Schumpeter) durch Erneuerbare Energien hat es in den letzten 25 Jahren große lineare Entwicklungsprozesse gegeben. Bestehende Technologien wurden weiterentwickelt. In der Chemieindustrie werden z.B. 47% weniger Schadstoffe (wie CO2) als 1990 ausgestoßen, wie Ralf Füchs in seinem Buch „Intelligent wachsen. Die grüne Revolution gestalten“ aufführt. Insgesamt stieß die Bundesrepublik (BRD) 2011 25% weniger Treibhausgase aus als 1990. Allen den großen, noch bevorstehenden Herausforderungen zum Trotz lässt diese Entwicklung etwas Licht am Horizont hervortreten: Die 1995 mit dem Kyoto-Protokoll vereinbarten Einsparungen hat die BRD fürs Erste übererfüllen können (dort waren 21% Einsparungen im Vergleich zu 1990 vorgesehen). Die Bundesrepublik hat also in den letzten 25 Jahren ihre wirtschaftliche Wertschöpfung gesteigert und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen zurückgefahren. (Wie Ralf Füchs vorrechnet, entfällt nur ca. ein Drittel dieser Einsparungen auf den starken wirtschaftlichen Strukturwandel in der ehemaligen DDR. Zwei Drittel folgen aus nachhaltigen Effizienzsteigerungen!)

Neben grünem Wachstum – der Realität der ökologischen Transformation – haben in unserer Gesellschaft weiterhin nicht-ökologisch reflektierte Wachstumsbegriffe eine große Bedeutung. So setzt der neoliberale Wachstumsbegriff schlichtweg auf den größtmöglichen, kurzfristig zu erzeugenden shareholder value. Auch in der Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung gibt es eine starke Vorstellung von Wirtschaftswachstum, die vorrangig an die soziale Domestizierung des Kapitalismus anschließt. Diese „klassische“ Vorstellung vom sozialen Wachstum ist in vielen Fällen sehr kompatibel mit grünem Wachstum: Wenn beispielweise für eine finanzielle Aufwertung sozialer Berufe (z.B. in Kindertagesstätten) gestritten wird, steht dies keinesfalls im Konflikt mit dem Zurückfahren von Treibhausgasen und Ressourcenverbrauch. Wenn aber 15.000 IG BCE- und Ver.di-GewerkschafterInnen in Berlin aus Angst um ihre Arbeitsplätze gegen die geplante Klimaabgabe für alte Kohlekraftwerke demonstrieren, tut sich ein Konflikt auf: zwischen richtigen sozialen Zielen und notwendiger ökologischer Transformation.

Nachhaltiges Wachstum jetzt: Grünes und soziales Wachstum vereinen!

Wie dieser Debattenbeitrag zeigen möchte, ist die Sozialdemokratie identitär mit zwei Wachstumsbegriffen verbunden: Einerseits streitet sie in der Tradition der sozialistischen Kapitalismuskritik für soziales Wachstum. Andererseits waren es gerade Kreise in der SPD, die aus der Umweltbedrohung durch wirtschaftliches Wachstum programmatische Konsequenzen gezogen haben: Grünes Wachstum ist eine rote Idee! Heute muss es für die Jusos und die gesamte SPD darum gehen, ihre beiden Wachstumsbegriffe miteinander zu vereinen, statt sie nebeneinander herlaufen zu lassen. Aus zwei mach’ eins: Wir müssen entschieden auf nachhaltiges Wachstum setzen, also soziales und grünes Wachstum zusammenführen – statt beide gegeneinander auszuspielen. Ziel muss es sein, auf dieser Grundlage ein wirksames Gegenmodell zum neoliberalen Denken zu schaffen. Viel stärker brauchen wir innerhalb unseres Verbandes eine Diskussion darüber, was dafür eigentlich geschehen muss. Dazu ein paar Gedankenanstöße:

  • Die Zukunft gibt es nicht für lau! Mit diesem Motto streiten die NRWJusos für massive Zukunftsinvestitionen – v.a. in die öffentliche Infrastruktur der Verkehrswege, Schulen und Institutionen. Uns geht es darum, gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen, der sich für alle auszahlt. Solche Investitionen werden dann nachhaltiges Wachstum schaffen, wenn mit ihnen die Infrastruktur der Zukunft entsteht. Bisherige Infrastruktur darf nicht einfach reproduziert werden. Konkret folgt hieraus: 1. Dass möglichst viel Geld in moderne Schieneninfrastruktur und den Ausbau von Wasserwegen gelegt werden muss. 2. Ballungsräume, Städte und auch ländliche Regionen brauchen die finanziellen Mittel, um ihre Verkehrsinfrastruktur sehr weitgehend umgestalten zu können. Wir brauchen mehr Vernetzung zwischen den Verkehrsmitteln und eine fahrrad- und fußgängerfreundliche Infrastruktur. Fahrradschnellwege müssen zur Regel werden! Darüber hinaus dürfen wir die Diskussion über Verkehrsmittel der Zukunft nicht vergessen: Wird es – oder sollte es – eine neue Hochzeit der gas- und elektrobetriebenen Luftschiffe im Warenfernverkehr geben? Und was wären die gesellschaftlichen Implikationen? 3. Alle öffentlichen Gebäude sollten möglichst zu Energieproduzenten umgebaut werden. Wir haben schon die technischen Mittel für Energieplus-Gebäude. Jetzt müssen wir auch das Geld dafür hin die Hand nehmen!
  • Auf ökologische Industriepolitik setzen: Mit diesem wesentlich von Matthias Machnig und auch Benjamin Mikfeld ausgearbeiteten Konzept hat die Sozialdemokratie bereits ein politisches Handlungskonzept für die sozial-ökologische Transformation. In Mikfelds Worten: „Der Sozialdemokratie geht es [dabei] weder um Belehrungen, Verzicht und Askese noch um die einseitige Huldigung der »LOHAs« (lifestyles of health and sustainability) in Ober- und Mittelschicht. Die ökologische Industriepolitik will ein gutes Leben für alle Teile der Gesellschaft ermöglichen. Sie will ein gesellschaftliches Bündnis, das die Arbeitnehmerschaft als wichtigen Träger einer ökologischen Modernisierung begreift.“ Bei ökologischer Industriepolitik kommt es v.a. auf drei Säulen an: 1. Massive staatliche Forschungs- und Entwicklungsförderung: Markteinführungsprogramme für neue ressourceneffektive Technologien und (Forschungs-)Finanzierungsprogramme an öffentlichen Unis sowie in der Industrie. Notwendig ist eine Konzentration auf neue Speichertechnologien, life science sowie auf Schlüsselfelder der Technologieeffizienz und -wirkungsgrade. Nanotechnologien und Bioplastiken verlangen hier eine fundierte Risikoanalyse bezüglich ihrer ökologischen und gesellschaftlichen Verträglichkeit. (Bei einigen Nanopartikeln wurde schon heute festgestellt, dass sie so giftig wie Asbest sind.) 2. Klare ordnungspolitische Rahmenbedingungen: Dazu gehört, regionale industrielle Leitmärkte für nachhaltige Technologien und Rohstoffe finanziell fördern. Daneben kommt es auf die Durchsetzung weiterer Öko-Steuern und -Rabatte an, die klare ökologische Anreize setzen. Ein anderer Bereich ist die Ausweitung ökologischer Produktzertifikate. 3. Nutzung der öffentlichen Marktmacht zur Anregung von Innovationen (jährlich mindestens 230 Mrd. Euro). – Insgesamt kommt es bei der ökologischen Industriepolitik auf viel mehr an, als in den bisherigen Produktionsweisen alle Effizienzreserven zu mobilisieren: Wir brauchen neue Innovationssprünge, mehr schöpferische Zerstörung!
  • Konkret muss es in NRW darum gehen, den 2018 auslaufenden Steinkohlebergbau industriell zu ersetzen. Dafür braucht es wirtschaftliche Angebotspolitik von links: Das Land muss die Rahmenbedingungen schaffen, um nachhaltige Produktionsstätten in regionalen Leitmärkten anzusiedeln. Zur Entwicklung eines Rahmenprogramms sollten die Jusos einen Dialog mit den Gewerkschaften führen.
  • Allgemeiner muss es zudem um die Substitution von Verfahren der Produktion und Energiegewinnung gehen, bei denen CO2 freigesetzt wird (z.B. auf Braunkohlebasis). Eine Möglichkeit hierzu besteht in industriellen Verfahren zur Weiterverarbeitung von CO2, die sich aktuell in der Entwicklung befinden: https://www.thyssenkrupp.com/de/presse/art_detail.html&eid=TKBase_1372768329844_5305831 & http://www.ingenieur.de/Branchen/Rohstoffindustrie/Neues-Verfahren-erzeugt-Energie-vernichtet-gleichzeitig-CO2
  • Kreislaufwirtschaft statt Recycling: Bisher werden Produkte i.d.R. nicht konzipiert, um wiederverwertet zu werden. Stattdessen wird bei ausrangierten Maschinen, Autos oder Elektrogeräte nachträglich überprüft, welche Bestandteile einfach zu recyceln sind, welche Sonderbehandlungen nötig sind, welche Giftstoffe teuer behandelt werden müssen, welcher Deponiemüll anfällt etc. Aktuell werden selbst bei modernen Windkraftanlagen Plastik- und Metallteile so stark miteinander verwoben, dass an einfache Weiterverwertung nicht zu denken ist – obwohl vielleicht schon in 20 Jahren eine technische Grunderneuerung notwendig ist. Nachhaltiges Wirtschaften sieht anders aus. Aber bei Produzentinnen und VerbraucherInnen hat es noch nicht Fuß gefasst. Das Ziel sollte sein: jedes Produkt im Hinblick auf seine vollständige Wiederverwertbarkeit zu konzipieren! Eine solche Kreislaufwirtschaft wäre überall möglich – ob bei Solaranlagen, Röntgengeräten oder modernen LED-Fernsehern. Doch in der betrieblichen Praxis fristet Kreislaufwirtschaft bisher meist ein Schattendasein. Aus politischer Sicht kommt es deshalb darauf an, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen: Welche Förderprogramme oder Steuermodelle bieten sich an? Brauchen wir eine Rücknahmepflicht für (bestimmte) Produkte? Auf diese Fragen sollten wir im Verband Antworten finden. Dabei müssen wir auch die Folgen funktionierender Kreislaufwirtschaft innerhalb einer kapitalistischen oder marktwirtschaftlichen Ordnung mitdenken: Im Erfolgsfalle werden sich ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln. Selbst Waschmaschinen oder Bürohäuser könnten eher geleast als gekauft werden. Statt des Besitzes würde die (erkaufte) Nutzungsberechtigung in den Vordergrund rücken. Infos hierzu: http://www.ellenmacarthurfoundation.org
  • Nachhaltige Regionen: Am Beispiel der ‚cradle to cradle region’ Venlo in den Niederlanden lässt sich sehen, wohin eine Politik für Kreislaufwirtschaft – umsetzt mit den Instrumenten von öffentlicher Marktmacht, Ordnungspolitik und Forschungsförderung – führen kann. Solche Erfolgsbeispiele können uns politische Inspiration geben: http://www.innovationseeds.eu/Policy-Library/Core-Articles/Cradle-To-Cradle-C2C–The-Dutch-Region-Of-Venlo-Towards-A-Circular-Economy.kl
  • Nachhaltigkeit als Juso-Leitlinie: Als Verband sollten wir die ökologische und soziale Verträglichkeit immer als Querschnittsthema mitdenken und im Verband vorleben. Wir müssen das Denken innerhalb eines nachhaltigen Wachstumsbegriffs verinnerlichen. Ein sozialistischer Verband zu sein, muss heute auch heißen, sich vollständig zum Ziel der Nachhaltigkeit zu bekennen. Ein fast triviales Beispiel zum Schluss: Warum drucken wir nicht auch unsere Verbandsmagazine auf Papier und mit Farben, die keine Umweltschäden hinterlassen, sondern vollständig in neue Wertstoffkreisläufe eingespeist werden können?

Felix Eggersglüß

Autor

Felix Eggersglüß

Beisitzer

felix.eggersgluess@nrwjusos.de
Avatar of Felix Eggersglüß

THEMEN

ARCHIV