Blog

Avatar of Anna Spaenhoff Anna Spaenhoff - 19. Oktober 2017 - Freiheitsrechte, Gleichstellung

#metoo

Ich habe lange drüber nachgedacht. Diese Kampagne hat wirklich ausgelöst, dass ich als Frau in mich gegangen bin und mich fragte: "Hab ich einen sexuellen Übergriff erleben müssen?" Ich finde keine richtige Antwort. Ich wurde zum großen Glück nie gewaltsam zu irgendwas gezwungen und auch ein psychischer Druck hat, soweit ich mich erinnern kann, nie stattgefunden. Alles was passierte, passierte irgendwie gewollt und bewusst und es war zum Glück auch nichts dabei, wo ich heute sage: "Scheiße darüber könnte ich nicht reden und daran will ich nicht denken". Und während ich es schreibe fällt mir doch eine Situation ein, die mir selbst aber trotzdem ja irgendwie als lächerlich erscheint in diesem Kontext zu erwähnen. Aber wo beginnt und wo endet es?

WO BEGINNT UND WO ENDET ES?

Das war so: Ich war auf einer Studi-Party mit einer Freundin. Es war schon November oder so, also gab es zum Jeansrock noch eine schwarze, dicke Strumpfhose. Die Party war nicht so geil. Es war voll, mir latschte die ganze Zeit eine andere Frau mit ihrem Absatz auf dem Fußknochen rum (der war ne Woche lang blau) und als ich mit der Freundin von den Toiletten zurückkam und mich durch die volle Tanzfläche drängelte, grapschte ein Typ meiner Freundin an den Arsch. Unterm Rock! Sie bemerkte das gar nicht aber ich baute mich innerlich schon auf. Dann der Grapscher also bei mir. Ich explodierte innerlich, drehte mich um und brüllte den Kerl an, was zur Hölle das sollte. Der guckte pfeifend in die Gegend (kein Witz!) und als ich ihn anbrüllte, er solle wenigstens zu so nem Kack stehen, erlaubte er es sich sogar mich anzukacken: "Wat willst du?" Sein Kumpel neben ihm fragte mich, was denn los sei. Ich sagte es ihm und bekam ein "Na und?" entgegnet. Wieder brüllen meinerseits "Na und? Steht hier irgendwo begrapsch mich oder was?" Entweder die Typen drehten ab oder meine Freundin zog mich mit sich... Ich weiß das nicht mehr so genau.

Dafür fällt mir aber in Clubs immer häufiger dieses Verhalten auf. In Köln sah ich, wie es völlig normal schien, dass Typen beim tanzen Frauen vorne über den Oberschenkel gleitend unter den Rock grapschten. Die Frauen ignorierten es und tanzten weiter mit den Kerlen oder schoben einfach nur die Hand beiseite (Übrigens: vermeintliche biodeutsche Kerle).

In Dortmund versuchte es ein Typ, der nicht mehr ganz bei sich war bei so ziemlich jeder Frau und merkte es nicht einmal mehr, wenn er auf dem Boden endete, weil die männlichen Begleiter ihn wegstießen. Ein Freund von mir war sich unsicher, einer fremden Frau dezent zu helfen, weil er ja auch nicht den Macho-Beschützer geben wollte. Darauf zog ich sie sachte zur Seite, sagte ihr, dass er sich kurz kümmert, er tanzte sich dazwischen und schirmte eine Weile den Kerl ab und damit war die Sache dann auch gegessen. Sie bedankte sich dafür.

Schon während der Abi-Zeit zog ich irgendwann Freundinnen von Typen weg, weil die es nicht begriffen, dass sie sich die ganze Zeit von ihnen wegtanzten und keine aufdringliche Nähe wollten. Ich erlebte, wie ein Typ einer Freundin nicht die Nummer zum späteren Kennenlernen und Texten geben wollte, sondern sie nur direkt mit nach Hause nehmen wollte. Sie tat das dann zum Glück nicht.

NICHT JEDE*R IST FÄHIG, ANGRIFFE ABZUWEHREN

So unfassbar, wie einfach all diese Taten sind und all die Taten, die noch viel mehr Grenzen überschreiten als diese, ist die Diskussion darüber. Vorwürfe, dass jede Frau jetzt eine Geschichte ausgraben würde oder gar die Wertung wie schlimm der Vorfall nun war oder nicht. Ich hab es mir ja echt auch überlegt, ob diese Geschichten es „wert“ sind darunter zu fallen oder ob ich mich glücklich schätzen kann, dass mir bis heute nichts passiert ist, was mich traumatisiert hat oder weiter ging als das, was ich hier skizziert habe. Aber weiß ich, wozu diese beschriebenen Arschlöcher noch bereit sind? Weiß ich, was sie tun, wenn ich sie schon zu Beginn abgewehrt habe aber eine andere Frau das vielleicht nicht tun konnte? Nein, weiß ich nicht! Außerdem merke ich, wie wütend es mich noch heute macht, wenn ich das hier gerade schreibe und wie wütender ich werde, wenn ich lese, was anderen Frauen und auch Freundinnen passiert ist.

Und jeder Mann sollte sich eine Sekunde länger überlegen, ob Grapschen jetzt wirklich so witzig ist und in der männlichen Clique gut ankommt. Jeder Kumpel sollte sich überlegen, ob er über solch eine Tat seines Freundes kichert oder ihm nicht gleich sagen sollte, dass das einfach drüber und kein richtiges Benehmen ist!

KEINE KLEIDUNG RECHTFERTIGT SCHEISSVERHALTEN!

Zu dieser Diskussion kommt dann leider ja auch immer die Frage nach der Kleidung. NEIN! Es gibt keine Kleidung, die irgendeine Überschreitung ausgelöst haben könnte! Einfach nein! Keines meiner dekolletierten Oberteile erlaubt den Blick in den Ausschnitt, auch nicht einen ach so witzigen Spruch dazu oder gar mich anzufassen. Jeder der trotzdem meint, dass ein oder andere deswegen riskieren zu wollen muss sich auf einen dummen Blick, einen harten Spruch oder körperliche Notwehr im Umkehrschluss einstellen und jeder sollte dann auch wissen, dass sowas zu einer sehr unangenehmen Anzeige führen kann!

Jeder Mann sollte sich übrigens dabei auch mal folgendes Fragen: was würde es in mir auslösen, wenn meiner Mutter, meiner Freundin/Frau, meiner Schwester oder meiner Tochter sowas passiert wäre oder passieren würde? Was löst das dann in mir aus? Find ich das okay? Frag ich sie dann, ob der Rock nicht vielleicht auch etwas zu kurz war? Frag ich: „Na und? Sieh es als Kompliment?“ Wenn ihr das bejahen könnt: sucht euch einen Arzt! Schnell! Dringend!

Ich glaube aber, selbst der „coolste“ Mann stellt in stillen fünf Minuten fest, dass das einen fertigmachen würde.

Egal wie taff, emanzipiert, stark oder selbstbewusst eine Frau auch wirken und sein mag: es passiert! Jeden verdammten Tag irgendwo auf dieser Welt! Schüttelt nicht den Kopf und tut es als „übertrieben“ ab und tut nicht so, als wenn das was Neues für euch wäre. Seid auch nicht schockiert und überrascht. Ich glaube es Euch sogar, dass ihr es grundsätzlich seid. Ich bin es aber nicht mehr und Ihr solltet jetzt auch keinen betroffenen Blick aufsetzen, sondern auch was dagegen tun. Denn dafür brauchen wir alle Geschlechter!

ALSO:

Allen Mädchen und Frauen möchte ich nur sagen: jeder Übergriff an Euch macht mich mit wütend! Es gibt Hilfe und es gibt Solidarität! Traut Euch, es nicht zu erdulden, wenn Ihr merkt, dass es Euch gerade gar nicht passt was da passiert. Helft anderen Frauen, wenn Ihr mitbekommt, dass da gerade was passiert, was nicht richtig ist.

AN DIE HERREN:

Tut es einfach nicht!

Ignoriert dieses Verhalten bei anderen nicht!

Wenn Ihr jetzt sagen wollt: „mir ist das als Mann auch schon passiert und ich mach da jetzt keine Kampagne draus“: Mir tut auch eure Erfahrung leid! Aber diskreditiert deswegen nicht die Erfahrung von anderen und wie sie sich entschieden haben damit öffentlich umzugehen oder nicht. Auch für Euch gibt es Hilfe und auch für euch gibt es Solidarität!

Häufig werden ja im Bereich der Gender-Debatte die Rufe nach Programmen für Jungs und Männer laut. Bitte! Hier wäre ein Thema für ein wunderbares Förderprogramm: „Gegenstrategien zur Belästigung und Übergriffigkeit oder wie ich mich verhalte, wenn ich sowas beobachte“. Nicht sehr innovativ - aber vielleicht ja mal wirksam!

Autor

Anna Spaenhoff

Beisitzerin

anna.spaenhoff@nrwjusos.de
Avatar of Anna Spaenhoff

THEMEN

ARCHIV