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Avatar of Anna Spaenhoff Anna Spaenhoff - 30. November 2017 - Freiheitsrechte, Gleichstellung

#Schweigenbrechen

Im Nachgang zum Juso-Bundeskongress schrieb mich eine Genossin an, die sich sehr über die Kommentare unter dem Facebook-Post zum Tag gegen Gewalt gegen Frauen geärgert hat. Leider insbesondere aus dem Grund, dass sie selbst eine Betroffene ist. Sie bat mich einen Text dazu für sie zu bloggen, da sie selber anonym bleiben möchte. Ich danke ihr sehr für ihr Vertrauen und „sehr gerne“ (sofern man so etwas in diesem Kontext sehr gerne tun kann) komme ich ihrer Bitte nach. Der Text hat es in sich und hat mich sehr mitgenommen. Ich war danach so frei ihr mitzuteilen, dass sie sich jederzeit sicher sein kann, den größten Landesverband von solidarischen Menschen hinter sich zu haben!

Ich habe nun auch eine Bitte an Euch: geht in die Debatten unter Beiträgen oder Bildern bei Facebook. Zeigt all den anonymen Menschen, dass es uns gibt und wir da sind! Bitte insbesondere auch, wenn unter diesem Blogbeitrag die Trolle sich versammeln. Außerdem habe ich noch eine nicht unwichtige Information für euch: der Täter kommt nicht aus unseren Reihen! Spekuliert also gar nicht erst, wer sie ist oder wer er sein könnte. Nehmt es nur als Hinweis darauf, dass auch in unseren Reihen Betroffene sind und wir regelmäßig auch unser Verhalten und das unserer Mitmenschen reflektieren müssen und eingreifen müssen, wenn wir solch eine Tat miterleben. Jede und jeder von uns kann #Schweigenbrechen

Im Folgenden nun der Text der Genossin.

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#Schweigenbrechen

Am 25. November war der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Hierzu wurde von den Jusos auf dem Bundeskongress in Saarbrücken ein Facebook-Post verfasst, der auf die Bedeutung des Tages aufmerksam macht; ebenso wie auf die erschreckende Zahl, dass ungefähr jede vierte Frau in Deutschland während ihres Lebens mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfährt. Ich habe mich zunächst über diesen Post sehr gefreut, denn das Thema liegt mir so sehr am Herzen wie nur wenige Dinge.

Wer bin ich? Eine Frau. Eine Genossin. Ich bin Mitglied der NRW Jusos. Ich bin irgendetwas um die 20 Jahre alt und lebe irgendwo im Ruhrgebiet. Und ich bin eine dieser statistischen vierten Frauen. Ich war für eineinhalb Jahre meines Lebens in einer Beziehung mit einem Mann, der täglich körperliche, psychische und sexuelle Gewalt gegen mich ausübte. Dieser Mann war übrigens ein „Deutscher“. Ich setze den Begriff in Anführungszeichen, weil ich persönlich so eine Bezeichnung für jemanden ungerne verwende. Wenn ich mir die Kommentare unter oben genanntem Post der Jusos aber durchlese, halte ich es traurigerweise für notwendig, zu erwähnen, dass es sich um einen Mann ohne Migrationshintergrund handelt. Über seine Taten weiß niemand außer mein jetziger Partner Bescheid, da ich juristisch nie dagegen vorgegangen bin.

Ich werde nicht detailliert auf das eingehen, was mein Ex-Freund mit mir getan hat. Ich werde keinen seiner Sätze zitieren. Es handelt sich aber unter anderem um mehrfache Vergewaltigung, psychische Demütigung und körperliche Verletzungen in einer Schwere, dass mehrfach Krankenhausaufenthalte und Operationen notwendig waren. Darunter befanden sich innere Verletzungen im Genitalbereich, mit deren Folgen ich bis heute zu tun habe und immer zu tun haben werde.

Sorgen muss man sich um mich nicht machen. Ich habe mir mittlerweile wieder ein stabiles Umfeld aufgebaut. Ich bin in psychologischer Betreuung, ich nehme Psychopharmaka gegen Angstzustände ein und habe wieder einen Partner gefunden, dem ich vertrauen kann und mit dem ich mich auch wieder problemlos allein in einem Raum aufhalten kann. Im Gegensatz zu allen anderen Männern, obwohl das alles mit ihnen persönlich jeweils so gar nichts zu tun hat. Im Großen und Ganzen würde ich behaupten, dass es mir gut geht und mein Verhältnis zu Männern, zu Sexualität, zu meinem Körper und zum Leben sich langsam wieder normalisiert. Ich bin optimistisch. Ich bin ein glücklicher Mensch. Aber gebrochen.

Ob man mich dafür verurteilen will, dass ich diesen Mann nie angezeigt habe bzw. seine Taten nie öffentlich gemacht habe, bleibt jedem von euch selbst überlassen.
Die Gewissensbisse, dass es eigentlich in meiner Verantwortung liegt, andere Frauen vor ihm zu schützen, sind mir bestens bekannt.

Ich bin aktuell noch nicht an einem Punkt, an dem ich soweit bin, mich endgültig für oder gegen den Gang zur Polizei zu entscheiden. Ich habe bis heute Angst, dass er mich nochmal finden könnte, auch wenn ihm meine aktuelle Anschrift nicht mehr bekannt sein sollte.
Warum habe ich das Bedürfnis, jemandem meine Geschichte zu dieser Thematik mitzuteilen? Weil ich eine von „uns Jusos“ bin. Ich bin mitten unter Euch. Bei einigen Veranstaltungen vor Ort. Habe zwar kein hohes Amt inne oder sowas, aber bin gern dabei. Kenne viele von Euch, wenn auch viele nur flüchtig.

Und: Weil ich Euch dankbar bin, dass im Namen von uns allen bei den Jusos offen über solche Themen gesprochen wird. Dass es solche Facebook-Posts gibt. Dass wir sagen, dass wir #schweigenbrechen sollten. Denn ich will jetzt hier #schweigenbrechen und euch erzählen, dass Gewalt gegen Frauen unter uns allgegenwärtig ist. Und ich möchte, dass wir so RICHTIG #schweigenbrechen. So ganz. Und dass wir Kommentare wie die unter dem Post zum 25. November der Jusos lesen. Dass wir lesen, was für beschissene Dinge Menschen teils dort kommentieren. Und dass wir dann alle das Schweigen brechen dazu und unseren Mund aufmachen, dass wir darauf antworten und etwas dazu sagen. Dass wir uns dazu äußern und sagen, dass es scheiße und empathielos ist, wie Menschen darunter kommentieren. Und dass Ihr es Euch alle traut, dazu was zu sagen, stellvertretend für Mitgenossinnen wie mich, eine von Euch, die noch nicht soweit sind, das tun zu können. Dass es nach einem Post nicht vorbei ist mit dem #Schweigenbrechen. Sondern, dass wir entschieden auf das reagieren, was Menschen dazu sagen, denen das Bewusstsein dafür scheinbar völlig fehlt. Dass wir mit dem #schweigenbrechen nicht nach einem Post aufhören.

In der Hoffnung, dass man eines Tages nicht mehr das Gefühl hat, dass man sein Geheimnis immer für sich behalten muss, weil die Reaktionen darauf alles nur verschlimmern. Unser Bewusstsein und unser #schweigenbrechen darf nach dem 25. November nicht enden.
Die Kommentare unter dem Post haben mich so wütend gemacht. So traurig. Lasst uns #schweigenbrechen gegen so etwas. Jeden Tag. Und brecht alle Euer Schweigen im Alltag, wenn Euch an der ein oder anderen Stelle etwas sehr verdächtig vorkommt. Vielleicht sogar eine konkrete Verletzung. Wäre zu mir nicht irgendwann der Impuls von außen gekommen; hätte eine außenstehende Person nicht ihr Schweigen gebrochen und mich angesprochen, dann wäre ich wohl bis heute in dieser Beziehung. Oder nicht mehr am Leben.

Autor

Anna Spaenhoff

Beisitzerin

anna.spaenhoff@nrwjusos.de
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