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Avatar of Ingo Wagner Ingo Wagner - 06. Juni 2018 - Europa, Integration, Internationales, Jugend

#freeinetrrail: Eine Kritik

Ich liebe Interrail. Als Pfadfinder, Juso und reisefreudiger Mensch war ich in den unterschiedlichsten Konstellationen, allein, in der Kleingruppe, auf Großlager, Städtetrip, Ländertrip, quer durch Europa unterwegs. Die Erfahrungen waren immer die gleichen – und auf den Reisen haben sich meine Pfade mit denen vieler Interrailnutzer*innen gekreuzt. Ich freue mich über alle, die eine solche Reise starten. Je mehr Leute eine solche Erfahrung machen können, umso geiler. Ich möchte die vielen tollen Gegebenheiten, Gespräche bis zum nächsten Morgen, Stunden in irgendwelchen Zügen, auf Bahnhöfen oder sonstwo nicht missen. Das System Interrail verdient es fortgeführt und unterstützt zu werden. Und auch aus politischer Perspektive muss man sagen: Spitze, dass sich Leute dafür einsetzen, dass mehr Jugendliche in den Genuss intereuropäischer Erfahrungen kommen und umso besser, dass die europäischen Institutionen #freeinterrail wahrgenommen haben und sich damit beschäftigen. Das zeigt, wie wichtig das Thema ist und das zeigt, dass ‚Brüssel‘ den Menschen sehr wohl zuhört und Initiativen erfolgreich sein können. Und ganz ehrlich: Dass jetzt 15.000 Jugendliche Tickets für lau kriegen, ist doch ein Hammererfolg. Ich freue mich für jede*n Einzelne*n. 

Und trotzdem – oder gerade deswegen: #freeinterrail ist in dieser Form nicht der richtige Weg.

„Warum?“, ist dann gleich die Frage, „das ist doch geil, verreist du nicht gerne? Lass doch Leute Europa erfahren.“ Von anderer Seite heißt es dann auch: „Sei doch bitte nicht so negativ. Jetzt macht die Europäische Kommission mal was für junge Leute und jetzt redet gerade ihr die EU schlecht.“ Die Argumente pro „Free Interrail“ sind vielfältig und klingen auch alle gut. Aber für mich kratzt das nur an der Oberfläche. Sicher hat #freeinterrail positive Seiten und wie gesagt: Bitte sorgt dafür, dass alle durch Europa fahren. Aber das Tool #freeinterrail an und für sich ist für mich nicht das richtige politische Instrument. Persönlich habe ich mir die Frage auf vier unterschiedlichen Ebenen gestellt:

·     Ist #freeinterrail vor dem Hintergrund der Zielsetzung die richtige EU-Initiative?

·     Ist das Programm aus jugendpolitischer Sicht zu begrüßen?

·     Kann ich #freeinterrail aus meiner politischen Sicht untertützen?

·     Muss ich als Europaradikaler für #freeinetrrail sein?

Und so gerne ich mich persönlich selber auf ein Ticket bewerben würde, muss ich all diese Fragen mit ‚Nein‘ beantworten.

Ist #freeinterrail vor dem Hintergrund der Zielsetzung die richtige EU-Initiative?

Wenn man Gesetzesinitiativen betrachtet, stellen sich, und das ist ja weithin bekannt, immer dieselben Grundfragen: Was ist das Ziel? Was ist die Zielgruppe? Was ist der Aufwand? Welche Alternativen gibt es? Und dann natürlich die große Frage: Ist der vorgeschlagene Weg derjenige, der all diese Punkte am besten verbindet? 

Ziel von #freeinterrail, heruntergebrochen auf die höchste Ebene, ist es zum einen für mehr Austausch zwischen Jugendlichen zu sorgen und zum anderen die Wahrnehmung ‚Europas‘ zu verbessern. Wer schon mal mit dem Zug unterwegs war, weiß, dass gerade bei Interrail der Austausch zustande kommt, kommen kann, keinesfalls muss. Die Frage ist, wie wir Interrail nutzen. Klar ist ein Urlaubstrip auch eine tolle Erfahrung und allein deswegen ist Interrail schon eine tolle Sache, aber Austausch im klassischen Sinne, das heißt, Austausch wie er bei Erasmus(+), im Jugendaustausch oder anderen Programmen vorprogrammiert ist, kann zwar entstehen, muss aber nicht. Das ist jetzt sicher kein starkes Argument gegen #freeinterrail, aber es wird wichtig, wenn wir uns die Alternativen ansehen. 

Wenn wir nun betrachten, wie mit der Initiative die positive Wahrnehmung Europas verbreitet werden soll, wird es vage. Es wurde in verschiedenen Studien nachgewiesen, dass Austausch zu Annäherung führt. Die Vermutung ist nun, dass die Annäherung untereinander zu einer positiveren Meinung über das europäische Miteinander und somit auch ihrer politischen Institutionen führt. Der erste Teil scheint eindeutig, auch wenn wir alle gegenteilige Beispiele kennen. Der zweite Teil kann aber gerade vor dem aktuellen politischen Hintergrund bezweifelt werden. Wenn all die positiven Erfahrungen in Europa, oder auch in nationalen Demokratien, auch auf die jeweiligen Institutionen abfärben würden, wäre es um unsere politischen Systeme weitaus besser bestellt. (So eine zentrale Initaitive darf darüber hinaus auch keinesfalls zur Werbeaktion der Kommission verkommen.) Trips, wie Interrail, sind persönlich eine geniale Erfahrung, ob sie gesellschaftlich den erwünschten Effekt haben, darf hinterfragt werden. Wichtiger ist aber ein anderer Punkt: Nur weil realer Austausch diese Effekte haben könnte, heißt das nicht, dass die Initiative an sich das auch bewirkt. 

 

Hier wird es wichtig zu betrachten, ob die Zielgruppe erreicht wird und ob es sich um das richtige Instrument handelt. Betrachten wir die Ideen für das zukünftige #freeinterrail (nicht nur die aktuelle Runde für 15.000 Jugendliche, das würde zu einer unfairen und verzerrten Betrachtung führen), dann scheint es erst so, als ob alle Jugendlichen im Alter von 18 Jahren zumindest in Frage kämen – egal ob auch wirklich alle ein Ticket kriegen. Bei genauerer Betrachtung muss ich aber feststellen, dass der Kreis der möglichen Nutznießer*innen von vornherein drastisch eingschränkt wird. Finanziert werden nämlich nur die Tickets an sich und nicht Unterkunft und Verpflegung oder andere zentrale Kostenpunkte. #freeinterrail kommt also nur für Jugendliche in Frage, die sich das auch bereits leisten können. Wer selber verreist, weiß, dass man oft eher an den Ticketkosten sparen kann, als an den weiteren Posten. So oder so ist der mögliche Effekt der Initiative also auf einen bestimmten Teil der Zielgruppe beschränkt, ein Teil der vielleicht auch selbstständig in den Zug steigen würde. Der mögliche, unter Umständen bereits beschränkte, Effekt wird also durch eine massive Einschränkung der Zielgruppe weiter beschränkt. 

Selbstverständlich steht nirgendwo geschrieben, dass es nur ums Geld geht. Selbstverständlich sollen Austauschprogramme allen und eben auch wirtschaftlich Stärkeren zur Verfügung stehen. Alles andere entspräche nicht meiner Idee von Gesellschaft, Jugendarbeit und europäischem Austausch. Gerade an dieser Stelle ist die bestehende Lücke in Programmen jedoch am kleinsten. Die bestehenden Austauschprogramme, allen voran Erasmus, bedienen größtenteils eine ähnliche, wenn auch ältere Zielgruppe. Seit Jahren wird versucht diese Programme auszubauen und u.a. durch Erasmus+ auch dafür zu sorgen, dass a) insgesamt mehr Menschen Zugang zu den Programmen haben und b) weitere Zielgruppen (z.B. Nichtstudierende) in den Genuss der Austauschprogramme kommen. Dieser ‚Ausbauvorgang‘ ist ein Prozess, der Stück für Stück zu Verbesserungen führt. Die Zielsetzung dieser anderen Programme ist im Endeffekt die gleiche wie bei #freeinterrail. Die bestehenden Zielgruppenprobleme werden nicht von #freeinterrail gelöst, sondern nur durch die Aufstockung der Mittel selbst in den bestehenden Programmen. Mir scheint also eigentlich eindeutig, dass Erasmus+ und andere Programme gerne auch zum strukturierten Jugendaustausch weitere Aufwertung erfahren müssen, weil sie die Ziele besser erreichen können. 

Die jugendpolitische Perspektive

Klar, am besten wäre es, wenn man das alles gleichzeitig machen könnte. Und schaden tun die #freeinetrrail-Tickets ja jetzt auch nicht. Oder? Aus jugendpolitischer Perspektive sieht das leider anderes aus. Wir kämpfen seit Jahren für mehr Geld im Haushalt, um jugendpolitische Initiativen zu unterstützen. Zwei große Punkte sind dabei besagte Austauschprogramme und die Jugendgarantie. Ich halte gar nichts von der Argumentation‚ „können wir uns erstmal um die wichtigen Dinge kümmern“. Das ist quatsch und meines Erachtens nach auch gefährlich. Die Zielsetzung von #freeinterrail ist toll und wenn man die Unterstützung dieser Ziele erreichen kann, sollte man das tun. Jetzt gibt es dazu aber ja einerseits bessere Möglichkeiten, andererseits ist es aber leider auch so, dass das EU-Budget und ganz besonders der Teil für jugendpolitische Maßnahmen beschränkt sind. Wir - und damit meine ich nicht die Jusos sondern alle Jugendverbände - kämpfen seit Jahren dafür, dass das nicht so ist. Aber die Realität sieht anders aus. Das Budget für Erasmus+ und die Jugendgarantie ist weit davon entfernt ausreichend zu sein. Kürzungen zu Gunsten anderer Maßnahmen sind nicht hinnehmbar. Selbst wenn das Gesamtbudget für jugendpolitische Maßnahmen erhöht wird, bleibt die Frage, ob es sinnvoll ist zusätzliche Maßnahmen zu finanzieren oder die dringend benötigten Aufstockungen in den anderen Maßnahmen getätigt werden müssen. Die europäische Jugendgarantie, die allen jungen Menschen bis 25 einen Arbeitsplatz, eine Fortbildung, einen Ausbildungsplatz oder ein vernünftiges Praktikum verschafft, ist bei weitem unterfinanziert. Sie hat eine andere politische Zielsetzung (und eine andere politische Bedeutung). Die zwei Programme sind also nicht direkt vergleichbar. Wenn ich aber abwägen müsste, wo ich in den nächsten 7 Jahren mehr Geld investiere, dann fällt die Entscheidung leicht. Zudem muss die Frage erlaubt sein, ob nicht zusätzliche Ausgaben für #freeinterrail bei der Generation, die auf die Jugendgarantie angewiesen ist, nicht zu ungleich negativeren Gefühlen führt. Aber auch wenn wir nicht Äpfel mir Birnen vergleichen, sehe ich das ähnlich. Wenn es die Wahl gibt, Maßnahmen und Zielgruppe in einem bestehenden Programm auszubauen, dann würde ich mich hierfür entscheiden, statt ein neues Programm ohne zusätzlichen Nutzen aus der Taufe zu heben. 

#freeinetrrail aus meiner politischen Perspektive

Wenn ich diese ganzen Abwägungen zusammen hernehme, dann fällt mir auch die Antwort als Juso leichter als anfangs gedacht. Die Jusos sind ein internationalistischer Richtungsverband, wir sind pro-europäisch, stehen für Austausch und Gemeinschaft, wollen mit Jugendlichen und jungen Menschen Zukunft gestalten – und fordern dafür Mitspracherechte, Aufmerksamkeit und Mittel. #freeinterrail könnte also doch unser Programm sein. Ist es aber für mich nicht.

Wir sind für die Entfaltung aller Menschen und individuelle Freiheit spielt eine riesige Rolle in unserem gesellschaftlichen Verständnis. Die persönlichen Erfahrungen bei Interrail sind allen zu wünschen. Wenn wir uns aber entscheiden müssen, dann wählen wir die Aktion, die allen einzeln und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch der Gesellschaft als Ganzes mehr bringt. Wenn wir uns entscheiden müssen, und das müssen wir wie gerade dargelegt, dann setzen wir auf Erasmus+.

Wir stehen auch für Chancengleichheit. Dazu muss auch gerade die (mögliche) Teilhabe oder Teilnahme aller an gesellschaftlich und politisch so zentralen Programmen, wie dem Jugendaustausch, gehören. Wie oben beschrieben, sind Zielgruppen aber begrenzt. Erasmus+ schafft dies bisher auch nur begrenzt, wurde aber bereits und wird auch weiter ausgebaut werden. #freeinterrail schafft das leider in der angedachten Ausgestaltung eher weniger. Es wäre spitze, wenn alle in den Austausch fahren könnten. Wenn dazu dann auch noch ein Teil #freeinetrrail-Tickets bekommt, dann spricht auch nichts dagegen. Insgesamt schafft aber nur ein Ausbau von Erasmus+ die Chancengleichheit (langsam zumindest). Stattdessen Geld für #freeinetrrail auszugeben, schafft aktuell leider eher das Gegenteil.

Als dritten Punkt würde ich gerne nochmal auf das gesamteuropäische Gefälle zu sprechen kommen. So wichtig Austausch ist, habe ich doch persönlich Probleme zufriedenstellend zu erklären, wieso #freeinetrrail finanziert werden soll, wenn wir im Süden Jugendarbeitslosigkeitsraten jenseits von gut und böse haben. Wie gesagt, das ist wie Äpfel und Birnen zu vergleichen und hat nichts mit der Abwägung von Programmen für Austausch und gemeinsames Lebensgefühl zu tun. Aber mir bereitet das auch politisch Bauchschmerzen.

#interrail als Pro-Europäer

Dann bleibt da noch die Frage, ob man als überzeugter Pro-Europäer nicht einfach für #freeinterrail sein muss. Einige sagen ja, dass wenn die Kommission schon mal was Tolles für junge Leute macht, man doch gefälligst auch jubeln soll. Zum ersten halte ich auch diese Argumentation für gefährlich. Viel zu lange haben viele Menschen viel zu unkritisch alles hingenommen, weil es eben x oder y war. Gerade als Sozialdemokratie und als Jusos ist es aber doch an uns auch zu sagen, was wir für richtig oder falsch halten – und eben auch was wir für mehr oder weniger vernünftig halten. Nur, wenn wir auch die europäische Politik kritisch begleiten – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne – können wir das Europa kriegen, das wir wollen. Ich bin da mit Spinelli uneins, der meinte die zukünftige politische Streitfrage ist nur noch beschränkt auf mehr oder weniger Europa. Dieses mehr oder weniger Europa darf eben nicht die eigentlichen politischen Konfliktlinien überdecken, es muss sie ergänzen. In meinem Europa ‚dürfen alle Austausch‘. In meinem Europa wird Kritik nicht von einem EVP-Werbeprogramm überdeckt. Außerdem finde ich die Argumentation gerade als junger Europäer schwierig. Da macht die Kommission mal was für euch und ihr meckert immernoch. Wenn was mal kein Argument ist, dann wohl das. Es ist ja schön, dass die Kommission etwas macht, aber vom Gnadentum sind wir doch weit entfernt. Schön, dass es eine Initiative für junge Menschen gibt, aber vielleicht hätte man da auch mal im Detail drüber reden können. Gerade als politischer Jugendverband haben wir den Anspruch Politik auch mitzugestalten. Und wenn wir der Meinung sind, dass Prioritäten falsch gesetzt sind, dann müssen wir das auch sagen.  

Ich finde Interrail spitze. Ich finde Austausch als politische Priorität unglaublich wichtig. Aber in der Ausführung gehen die zwei für mich nicht zusammen. Toll, dass jetzt 15.000 Jugendliche über den Kontinent düsen dürfen und ich hoffe, dass das für alle, für jede*n Einzelne*n eine geniale Erfahrung ist. Aber das nächste Mal sollte das Geld trotzdem wieder in Erasmus+ fließen. 

Oder wir machen es ganz anders: Her mit der verdammten Kohle. Ich will die Jugendgarantie ausbauen, Erasmus+ für alle und #freeinetrrail auf einmal.

TROTZDEM: VIEL SPAß ALLEN AUF IHREM TRIP. SCHICKT MIR FOTOS

 

 

Autor

Ingo Wagner

Beisitzer

Ingo.Wagner@spd.de
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