Blog

Avatar of Pressestelle Pressestelle - 19. Dezember 2019 - Israel/Palästina, Internationales, Antifa

Gastbeitrag: Gelebte internationale Solidarität im Willy Brandt Center Jerusalem

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass es das Willy Brandt Center Jerusalem (WBC) nach knapp 25 Jahren immer noch gibt und junge Israelis, Palästinenser*innen und Deutsche hier zusammen arbeiten. Die Hoffnungen und Euphorie der Oslo-Jahre, in denen Israelis und Palästinenser*innen dem Ziel einer Zwei-Staaten-Lösung durch gemeinsame Verhandlungen näherkommen wollten, sind längst dahin. In der Zeit dieser Aufbruchsstimmung wurde das WBC von drei, später vier politischen Jugendorganisationen gegründet: den Jusos aus Deutschland, der Fatah Jugend aus Palästina, der israelischen Arbeitsparteijugend und später der Meretz Jugend. Erklärtes gemeinsam Ziel ist es 1996 gewesen, eine Kooperation zu begründen und ein gemeinsames Zentrum für Begegnung und politische Arbeit in Jerusalem zu erreichten.

Obwohl die Hoffnungen aus den Oslo-Jahren mit der Ermordung Jitzhak Rabins im November 1995  und dem Ausbruch der Zweiten Intifada im September 2000 jäh zunichte gemacht wurden, ist es nicht nur gelungen, die junge Kooperation am Leben zu halten, sondern 2003 die Vision eines eigenen Zentrums in Jerusalem realisieren zu können. Seitdem befindet sich das WBC im Stadtteil Abu Tor mit Blick auf die Altstadt von Jerusalem. Was die Lage jedoch insbesondere ausmacht ist die Tatsache, dass das Haus genau auf der Grünen Linie, der Waffenstillstandslinie von 1948, steht und somit zwischen West- und Ost-Jerusalem. Das soll nicht nur den Wunsch der Zugänglichkeit für beide Seiten symbolisieren, sondern vor allem das Prinzip der doppelten Solidarität verkörpern. Wir Jusos verstehen uns unseren israelischen und palästinensischen Partner*innen gleichermaßen solidarisch gegenüber. Das bedeutet, das wir offen und empathisch für ihre Positionen, Bedürfnisse und Sorgen sind, die wir gemeinsam diskutieren und bearbeiten wollen. Es bedeutet aber auch, dass wir in einen kritischen Dialog gehen können, wann immer wir inhaltliche Meinungsverschiedenheiten haben.

Um über strittige Positionen, Visionäre Ideen oder selbstkritische Reflexion sprechen zu können, haben wir ein weiteres zentrales Prinzip, das wir Safe Space nennen. Gerade in Zeiten, in denen Begegnungen zwischen Israelis und Palästinenser*innen immer wieder angefeindet und verunglimpft werden, in denen die öffentlichen Diskurse immer radikaler und die demokratischen Räume immer kleiner werden, ist das eine wichtige Voraussetzung, um eine sichere Atmosphäre zu schaffen in der sich alle wohl fühlen.

Dann gelingt es uns, in Seminaren, Austauschprogrammen und Sommer Camps über die Themen zu diskutieren, die für die Mitglieder unserer Partnerorganisationen wichtig sind. Dazu zählt natürlich in erster Linie der Israelisch-Palästinensische Konflikt. Wie stellen wir uns eine bessere, gemeinsame Zukunft vor? Wie lebt es sich unter militärischer Besatzung in der West Bank oder der ständigen Bedrohung von Raketen in der südlichen Peripherie in Israel? Das Bedürfnis sich darüber auszutauschen ist groß. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Themen jenseits des Konfliktes, die für beide Seiten gleichermaßen wichtig sind: Umweltschutz, Geschlechtergerechtigkeit und Soziale Gerechtigkeit, um nur drei aktuelle Beispiele zu nennen, wo es viel mehr inhaltliche Einigkeit, als trennendes gibt.

Über diesen politischen Dialog gelingt es und im WBC Menschen über Grenzen hinweg zusammen zu bringen, um gemeinsam voneinander zu lernen, sich zu unterstützen und täglich internationale Solidarität zu leben.

Autor:

Tobias Pietsch ist Friedensfachkraft im Willy-Brandt-Zentrum. Dort leitet er das Projekt „Entscheider*innen der Zukunft“ mit israelischen und palästinensischen GenossInnen.

Autor

Pressestelle

Avatar of Pressestelle

THEMEN

ARCHIV