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Avatar of Konstantin Achinger Konstantin Achinger - 19. Dezember 2019 - Antifa, Israel/Palästina, Internationales

NRW Juso-Delegationsreise nach Israel und Palästina: Ein Reisebericht

Das Tückische an Narrativen ist ja, dass sie nur schlecht alleinstehen können. Um sie zu verstehen, muss man den Kontext kennen, aus dem sie entstanden sind und in dem sie aufrechterhalten werden. Dieser Text ist kein Narrativ, aber er enthält Narrative und möchte Einblick geben in die Kontexte, die sie umgeben.

Unsere Reise beginnt in Jerusalem. Die Heiligkeit dieses Ortes, der so zentral für jede der drei monotheistischen Weltreligionen ist, ergreift während unserer Tour durch die Altstadt bisweilen auch atheistische Seelen. Der Wert der Gemeinde, die teils einschüchternde Kraft der Religion und ihrer Rituale und umgekehrt auch die ihr innewohnende Sprengkraft – all das prasselt auf uns ein, während wir durch die wuseligen Viertel spazieren – das armenische, das muslimische, das jüdische, das christliche.

Am Abend halten wir sozusagen unseren eigenen Gottesdienst ab: die politische Diskussion. Im Willy-Brandt-Center Jerusalem (WBC) treffen wir Tamar und Nilli von unseren Partnero-Organisationen Young Labor und Young Meretz, um mit ihnen über die aktuelle, politische Situation in Israel und den palästinensischen Gebieten sowie über die gemeinsame Arbeit im WBC zu sprechen. Hier beginnt unsere Auseinandersetzung mit verschiedenen Narrativen. Sie Tamar und Nilli berichten darüber, wie beherrschend das Thema der Sicherheit im israelischen Wahlkampf war und ist und dass selbst eher links-orientierte Wähler*innen entweder Netanjahu wählen, weil sie Angst haben oder Benny Gantz von der Liste Blau-Weiß, weil sie in ihm die einzige Möglichkeit sehen, Netanjahu zu schlagen. Und als wir sie fragen, warum die israelische Arbeitspartei, die das Land mit aufgebaut und es bis Ende der 70er Jahre durchgehend regiert hat, heute so schwach dasteht, da klingent die Antworten leider ziemlich bekannt: Phase des Neoliberalismus, häufige Führungswechsel, Glaubwürdigkeitsproblem, unklares politisches Profil. Dabei sei es notwendiger denn je, die bestehenden Mauern vor allem auch in den Köpfen zwischen israelischer und palästinensischer Seite zu durchbrechen, die dazu führt, dass man sich nicht versteht, geschweige denn gegenseitig trifft. Genau in letzterem bestehe die Einzigartigkeit des Projekts WBC, nämlich in der Möglichkeit eines Safe Spaces, in dem Menschen zusammenarbeiten können, die sich sonst noch nicht einmal begegnen würden. Die Situation in der West Bank beispielsweise sei auf israelischer Seite nicht tagtäglich Thema, während es natürlich das bestimmende Anliegen der palästinensischen Seite sei und deshalb auch wieder regelmäßiger auf den Tischin den israelischen Diskurs gehöre.

Und in der Tat erleben wir während unserer Zeit in der West Bank eindrücklich, was die Beiden meinten. Wir lernen ein zweites Narrativ kennen und werden es die nächsten Tage über noch mehrfach in verschiedenen Varianten hören. Es dreht sich um Schlüsselwörter wie „Besatzung“, „Apartheid“ oder „Opfer der Opfer“ und ist damit ein herausforderndes Narrativ. Vor allem ist es aber – wir erinnern uns an den Beginn des Textes – ohne den Kontext, aus dem es stammt und aufrechterhalten wird, nicht zu verstehen. Die Lebensrealität in den umstrittenen Gebieten ist geprägt von der militärischen Auseinandersetzung und in den Flüchtlingslagern, von denen wir eins besucht haben, herrschen unhaltbare Zustände. Die Verantwortung dafür wird jedoch während der meisten unserer Termine in der West Bank einseitig auf israelischer Seite verortet und die Quelle dieses Narratives – der Antisemitismus – wird immer wieder offenbar, egal ob im Balata Refugee Camp oder an der An-Najah-Universität. Und das ist vielleicht der deprimierendste Eindruck während unseres Aufenthaltes in der West Bank: Ganz unabhängig von der individuellen Lebenssituation teilen nahezu alle ein und dasselbe hasserfüllte Narrativ, in dem die Rollen von Gut und Böse unverrückbar verteilt sind.

Anders verhält es sich während unserer Gespräche mit unseren palästinensischen Partner*innen der Fatah Jugend. Zwar ist auch hier die Rede von „Apartheid“, das Narrativ von Raed, Saif und Nashla kennt aber auch andere Perspektiven, wenn sie uns beispielsweise von ihren konstanten Anstrengungen berichten, für progressive Veränderungen in der palästinensischen Gesellschaft zu kämpfen – allen voran für die Gleichberechtigung von Frauen sowie für LGBTQI-Rechte.

Unsere Reise endet in Tel Aviv – einer weltoffenen, liberalen Großstadt, wie man sie in verschiedenen Teilen der Welt vorfindet und dennoch vergessen wir zu keinem Zeitpunkt, wo wir sind. Nach der gezielten Tötung eines Anführers des Islamischen Dschihads durch die israelische Armee sind am gestrigen Tag hunderte Raketen aus Gaza nach Israel abgefeuert worden, zwei davon auf Tel Aviv. Auch das gehört zum Kontext der unterschiedlichen Narrative, die wir im Zuge unserer Delegationsreise kennengelernt haben und die uns mit mehr anstatt weniger Fragen zurückkommen lassen. Um in Anlehnung an einen zurecht kritisierten Schriftsteller zu enden: Später werden wir über all das Genaueres schreiben.

 

Autor

Konstantin Achinger

Beisitzer

konstantin.achinger@nrwjusos.de

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