NRW Jusos – Magazin
Boys don’t cry, boys don’t try
Warum die „Male-Loneliness-Epidemic“ feministische Antworten statt Antifeminismus braucht.
Aus dem Verbandsmagazin (Nr. 34): Auf Social Media reden alle über die „Male-Loneliness-Epidemic“, aber niemand fragt, warum Männer eigentlich einsam sind – und wie Patriarchat, toxische Rollenbilder und ungleich verteilte Care-Arbeit da reinspielen. Es wird Zeit über diese ‚männliche Einsamkeit‘ zu sprechen und wieso der Feminismus daran keine Schuld trägt.
„Männer vereinsamen, weil Frauen zu wählerisch geworden sind.” – so und noch extremer teilen konservative Influencer und männliche Podcaster ihre Gedanken auf Social-Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram. Scrollt man nur für kurze Zeit unter dem Suchbegriff „Male Loneliness Epidemic“, findet man zahlreiche Beiträge, die den Feminismus und die Emanzipation der Frau für das eigene Ausbleiben einer Partnerschaft verantwortlich machen. Doch wieso Männer wirklich unter emotionaler und sexueller Einsamkeit leiden und wieso der Feminismus daran keine Schuld trägt, wird oft gar nicht oder nur sehr verzerrt kommuniziert.
Mit dem Begriff der sog. „Male-Loneliness-Epidemic“ (oder auch übersetzt „Epidemie männlicher Einsamkeit“), welcher sich vor allem in den Sozialen Medien etabliert hat, ist die Beobachtung gemeint, dass es Männern zunehmend schwerer fällt, eine Frau für eine intime, körperliche oder emotionale Bindung zu finden. Auch der Verlust von engeren Freund*innenschaften und die mangelnde emotionale Offenheit spielen hierbei eine große Rolle. Jedoch wird sich im Netz vor allem über die Ursachen dieser Entwicklung heftig gestritten.
She’s a strong independent woman, she don’t need no man
Dabei gibt es eine ganz zentrale Erklärung, die aus feministischer Perspektive entscheidend ist: Denn Frauen vor 100 Jahren gingen Beziehungen nicht allein aus romantischen Gründen, sondern auch der existenziellen Absicherung wegen ein. So war eine Frau im gängigen Beziehungskonstrukt abhängig von ihrem Partner, andersrum war dies jedoch nicht der Fall.
Heute entscheiden sich Frauen im Regelfall nur dann für eine Beziehung, wenn es ihr Leben bereichert, beispielsweise durch emotionale Nähe oder echtes Zuhören. Diese unglaublich wichtige Unabhängigkeit, die sich Frauen über die letzten Jahrhunderte hart erkämpft haben, wird von vielen Männern jedoch als „Wählerisch-Sein“ interpretiert. Dabei geht es einfach nur darum, dass Männer nicht mehr gebraucht, sondern nur noch gewollt werden müssen – und diese Realität zu akzeptieren fällt einer großen Zahl von Männern schwer. Das ist wiederum auch auf die männliche Sozialisation im Patriarchat zurückzuführen.
Doch woran liegt es, dass Männer weniger gewollt werden?
Klar ist: Frauen äußern häufig, dass sie auf emotionaler Ebene auch deutlich mehr Ansprüche haben, statt immer nur das bare minimum zu akzeptieren. Und das passiert nicht aus Arroganz, sondern aus dem feministischen Selbstverständnis und der Realität heraus, dass das Allerwenigste eben nicht ausreicht, eine Beziehung aufrechtzuerhalten und Frauen nicht länger ergänzen wollen, wo es Männern in der Beziehung an Nähe, Aufmerksamkeit und Respekt fehlt. Diese mentale und emotionale Sorgearbeit, die Frauen bis heute auch in Partnerschaften leisten müssen, fordert nämlich unglaublich viele Ressourcen und Lasten ab, die Frauen zunehmend weniger bereit sind zu tragen.
Ein ‚guter Mann‘ innerhalb einer Beziehung sei nur eine ‚durchschnittliche Frau‘ hieß es in einem Beitrag einer TikTok-Nutzerin.
Im Prinzip beschreibt sie mit dieser humorvollen Aussage genau das, was viele Feminist*innen kritisieren. Viele Einstellungen oder Verhaltensweisen, für die Männer glorifiziert werden, sind für Frauen nämlich selbstverständliche und gesellschaftlich erwartete Aufgaben.
„Male-Loneliness-Epidemic“ durchgespielt: die Incels
Zudem ist bei der „Male-Loneliness-Epidemic“ wichtig zu erwähnen, dass Frauen Männern nichts schuldig sind – gerade, weil dies im öffentlichen Diskurs fälschlicherweise oft so dargestellt wird. Es gibt kein Recht auf Sex oder emotionale Bindungen, Frauen sind nicht dazu verpflichtet, Männern ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen. Der Mythos, dass Männer eine Art „Grundrecht auf Sex“ hätten und ihnen dies verwehrt werden würde, ist jedoch ein sehr zentraler Punkt in der Ideologie in der sogenannten ‚Incel‘-Bewegung.
Dabei steht das Wort ‚Incel‘, bestehend aus den zwei Begriffen „involuntary“ (unfreiwillig) und „celibate“ (sexuell enthaltsam) für eine identitätsstiftende Selbstbezeichnung, die hauptsächlich von weißen, heterosexuellen Männern genutzt wird, um ihre ausbleibenden Bindungen zu Frauen – besonders sexuelle Bindungen – mit dem Feminismus als vorrangiges Feindbild begründen. Dabei sehen sie sich als Opfer einer liberalisierten Welt und der „Male-Loneliness-Epidemic“, und sind die meiste Zeit in Internetforen und den Sozialen Medien aktiv, wo sie Hasskommentare verfassen und organisiert Hetze gegen Frauen stiften. Das Problem hierbei ist, dass es nicht selten vorkommt, dass dieser Hass das Internet verlässt und in gezielte geschlechtsspezifische Gewalt übergeht. Die Attentäter u.a. von Isla Vista 2014 und Toronto 2018 hatten Frauenhass als Motiv und rechneten sich selbst der Incel-Bewegung zu. Die Serie „Adolescence“, welche erst vor Kurzem auf Netflix erschien, bespielt genau diese Hassideologie und die Gefahren, die sich daraus für Frauen in der gesellschaftlichen Realität ergeben.
Wer ist Schuld an „male loneliness“?
Gerade im Hinblick auf die Incel-Bewegung ist es für uns als Verband mit feministischem Selbstverständnis wichtig, dass wir das vermeintliche Phänomen „Male-Loneliness-Epidemic“ kritisch betrachten. Denn natürlich ist es wichtig, Einsamkeit als gesellschaftliches Problem zu erkennen und ernst zu nehmen – auch weil es für Betroffene einen hohen psychischen Leidensdruck darstellen kann. Jedoch sollte die Schlussfolgerung aus diesen ernstzunehmenden Problemen nicht die Dämonisierung vom Feminismus und Frauen sein, da dies von dem Kampf gegen patriarchale Gewalt ablenkt und diejenigen als Täterinnen darstellt, die in diesem System eigentlich Betroffene sind. Viel wichtiger ist es, dass Männer, die durch patriarchale Strukturen toxisch-männlich sozialisiert werden, sich im Falle starker Belastung psychische Unterstützung holen, statt sich im Netz zu radikalisieren.
Schlussendlich bleibt natürlich die Frage, ob die „Male-Loneliness-Epidemic“ überhaupt ein Ding ist, oder nur in den Sphären der Sozialen Medien existiert.
Denn auch wenn Einsamkeit und fehlende soziale Kontakte besonders bei Männern in den letzten Jahren verstärkt zum Problem geworden sind, kann man dennoch sagen, dass es keine „Epidemie“ als solche ist, denn Epidemien sind wie eine Naturkatastrophie, die einfach passiert und an der man nichts ändern kann. Männer können jedoch sehr wohl etwas an dieser Situation ändern, indem sie endlich Bereitschaft zeigen, in einer Partnerschaft auf Augenhöhe als emotional verfügbarer und vernünftig kommunizierender Partner zu agieren. Sie können ihre Männer-Freundschaften dafür nutzen, auch mal – Schock – über ihre Gefühle zu sprechen und tiefere Verbindungen miteinander einzugehen. Alles ist besser, als sich als Opfer des „radikalen Feminismus” im Selbstmitleid zu suhlen und in Online-Foren Frauen zu beleidigen.
Ich würde mir wünschen, dass in der Öffentlichkeit genauso viel über Gewalt gegen Frauen geredet wird wie man sich über die männliche Einsamkeit beklagt – auch wenn die „Men-Killing-Women-Epidemic“ nicht so das trending Thema in den Sozialen Medien zu sein scheint.
Zur Autorin: Soukaina (19) hat keinen Bock mehr, frauenfeindliche Männerpodcasts in den Feed gespült zu bekommen.



