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NRW Jusos – Magazin

05. September 2025

Erinnern in Zeiten des Rechtsrucks

Das NS-DOK der Stadt Köln und der Erinnerungsort Alter Schlachthof an der Hochschule Düsseldorf haben jetzt eine Broschüre publiziert, die auf über 100 Seiten Impulse gibt für die Auseinandersetzung mit der extremen Rechten, mit Antisemitismus und Rassismus in den Gedenkstätten.

Sabine Reimann ist Mitherausgeberin und arbeitet an der Hochschule Düsseldorf am Forschungs-schwerpunkt Rechtsextremismus/
Neonazismus. Dort ist auch der Erinnerungsort Alter Schlachthof angesiedelt, der an die Verschleppung von fast 6.000 Juden und Jüdinnen in Ghettos und Konzentrationslager (KZ) während der Nazi-Zeit erinnert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin forscht und lehrt sie zur extremen Rechten und ist in der historisch-politischen Bildung tätig. Das Interview führte Maximilian Lykissas aus unserem Landesvorstand.

Inwiefern ist die Rechtsentwicklung an an NS-Gedenkstätten spürbar?

Dass derzeit ein Fünftel der Bevölkerung bereit ist, einer extrem rechten Partei ihre Stimme zu geben, schlägt sich überall nieder, auch an Gedenkstätten. Zum einen gibt es bundesweit mehr Neonazi-Sticker auf den ehemaligen KZ-Geländen, mehr Vandalismus mit eindeutig rechten Botschaften und viel Hate Speech in den Sozialen Medien. In manchen Regionen tragen ganze Schulklassen provozierend rechte Haltungen und aggressive Ablehnung vor sich her, wenn sie eine Gedenkstätte besuchen müssen. Natürlich hat auch der Antisemitismus, oft israelbezogen, seit dem mörderischen Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 eine ganz andere Dimension bekommen. Aber auch migrationsfeindliche Stimmen werden lauter, und die, die sich ein Ende der Erinnerungsarbeit, wie wir sie betreiben, wünschen.

Welche Rolle spielen rechte Geschichtsdeutungen?

Auch die sind präsenter geworden. Besuchende fallen mit Äußerungen auf, die den Holocaust relativieren. Das ist auch eine Folge der Pandemie. Unter denen, die gegen die Maßnahmen zur Eindämmung auf die Straße gingen, waren einige, die unzulässige Vergleiche zum nationalsozialistischem (NS-)Regime gezogen haben oder sich sogar mit einem Davidstern als neue Verfolgte inszenierten. Sowas bleibt hängen. Ein weiterer Grund ist natürlich, dass die AfD versucht, die Grenzen des Sagbaren auch geschichtspolitisch zu verschieben und Schlussstrich-Forderungen aktualisiert. Wenn Alice Weidel bei Carmen Miosga die Gewalt der Novemberpogrome 1938 gegen Juden und Jüdinnen mit einer Sachbeschädigung an einem AfD-Büro vergleicht und Höcke auf Marktplätzen SA-Parolen (SA = „Sturmabteilung“; Kampforganisation der Nazis) ruft, ermutigt das natürlich ihre Sympathisant*innen, es ihnen gleichzutun.

Man muss Geschichtsrevisionismus deutlich widersprechen, und sich immer wieder darüber informieren, welche Erzählungen die extreme Rechte nutzt und auch wie sie diese pusht, auch in Social Media. Dass Hitler ein Kommunist gewesen sei, sind offensichtlichste Fake News. Neonazi-Propaganda vom sogenannten „Bomben-Holocaust“ ist auch als solche zu erkennen. Aber wenn es z.B. um angebliche Verbrechen der Alliierten in den sogenannten „Rheinwiesenlagern” geht, ist das ein Signalwort, was weniger bekannt sein dürfte.

Wie kann eine demokratische Erinnerungskultur aussehen?

Wer an die Shoa erinnern will, sollte sich auch fragen, was dieses beispiellose, unfassliche Massenverbrechen ermöglicht hat. Der NS erwuchs aus demokratischen Verhältnissen. Die Nationalsozialisten putschten sich nicht etwa mit dem Militär an die Macht, sondern wurden gewählt, auch von vielen aus der Arbeiterschaft. Die NSDAP hatte die rechtskonservativen und nationalen Kräfte als Steigbügelhalter an ihrer Seite und auch Unterstützung aus der Wirtschaft. Gleichzeitig war der antifaschistische Block zu schwach und zerrissen. Und sie konnten auf den Antisemitismus, auch in seiner vernichtenden Form, als ideologisches Bindeglied vertrauen, sowohl was die Eliten betraf als auch bis tief in die sogenannte „Volksgemeinschaft” hinein. Die Ideologien der Ungleichheit haben Kontinuität und verursachen heute massive Gewalt gegen die Betroffenen.

Wie soll eine Erinnerungskultur dann gestaltet sein?

Ich denke, sie muss gerade jetzt klar positioniert sein, im Sinne einer antifaschistischen Grundhaltung. Man kann sie aktiv und kritisch mitgestalten, gerade wenn sie einem, was manche kritisieren, ritualisiert, museal und staatstragend erscheint. Oder, wie die Shoa-Überlebende Ruth Klüger schrieb, wie eine lauwarme Badewanne der Erinnerung. Ich würde dazu einladen, das Gedenken mit den politischen Fragen, die einen beschäftigen zusammenzudenken und nach den Widersprüchen zu fragen. Da wo es unbequem und sperrig wird, ist man meistens richtig.

Was können die Jusos tun?

Jusos können sich ihrer eigenen Geschichte bewusst sein und die vielen Sozialdemokrat*innen in Erinnerung rufen, die von den Nazis umgebracht wurden. Sie können eigene Erinnerungsarbeit initiieren und bestehende Gedenkstättenarbeit in ihrer Nähe unterstützen, auch politisch und finanziell. Viele kennen Auschwitz, die Orte vor der eigenen Haustür aber nicht. Großartig sind längere Kooperationen, gemeinsames Erforschen und Projekte, die nicht nur das Bildungsbürgertum ansprechen.

Wir brauchen die Jusos als Verbündete an unserer Seite, erst recht, wenn die AfD 2029 Regierungsverantwortung tragen sollte. Dann wird die Erinnerungsarbeit, wie wir sie jetzt kennen, als Orte der historisch-politischen Bildung im Sinne der Menschenrechte massiv in Frage gestellt werden.



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