NRW Jusos – Magazin
Obdachlosigkeit ist Staatsversagen.
Aus dem Verbandsmagazin (Nr. 33): Wenn ein Staat dabei zuschaut, wie immer mehr Menschen wohnungslos werden und in die Obdachlosigkeit rutschen, ist das ein Armutszeugnis für einen angeblichen „sozialen“ Staat. Was wir jetzt brauchen, ist ein Ende der Verdrängungspolitik und ein echter Sozialstaat!
Die Zahl der Wohnungslosen in NRW befindet sich auf einem neuen Höchststand. Innerhalb der letzten vier Jahre verdoppelte sich die Anzahl von 50.000 auf über 100.000 Menschen. Hier besteht definitiv großer Handlungsbedarf.
Bei den rund 122.000 Menschen handelt es sich um viele geflüchtete oder wohnungslose Menschen – das sind Personen ohne eigenen Mietvertrag, die in Notunterkünften leben oder bei Freund*innen unterkommen. Etwa 1 % von ihnen lebt obdachlos auf der Straße. Dass das die Realität ist, wird in der neoliberalen Gesellschaft, in der wir leben, oft als sich häufende persönliche Schicksale abgetan – in Wirklichkeit ist es aber strukturelles, politisches Versagen. Statt sich den Ursachen von Obdach- und Wohnungslosigkeit zu widmen, erleben wir in vielen Städten eine Politik der Verdrängung. Sichtbare Armut wird zunehmend als Störfaktor behandelt: Anti-Obdachlosen-Architektur, Parkbänke mit Armlehnen, die das Liegen verhindern sollen, Diskussionen über „zu sichtbaren“ Drogenkonsum mit der gleichzeitigen Verhinderung von Drogenkonsumräumen oder Aufenthaltsverbote für wohnungslose Menschen in Innenstädten. Das bedeutet eigentlich nur: Man möchte das Problem nicht lösen, den Menschen nicht helfen, sondern sie unsichtbar machen und verdrängen. Für uns muss klar sein: Diese Entwicklung ist inakzeptabel.
Wohnen ist ein Menschenrecht. Der Staat – und in unserem Fall konkret das Land NRW – hat die Pflicht, dieses Recht aktiv zu gewährleisten. Das bedeutet: Probleme nicht nur zu verwalten oder zu kaschieren, sondern sie ursächlich zu lösen. Dafür braucht es in erster Linie zwei Dinge:
Einen fairen, bezahlbaren Wohnungsmarkt
Die Mieten steigen seit Jahren – und das nicht nur in den Metropolen. Gleichzeitig wurde der soziale Wohnungsbau über Jahrzehnte vernachlässigt oder sogar aktiv abgebaut. Wohnungen mit Mietpreisbindung laufen aus, neue werden kaum geschaffen. Wenn man bei einer solchen Mietmarktsituation gekündigt wird, wird man nicht so schnell wieder fündig und landet schneller als gedacht in der Wohnungslosigkeit. Selbst Notunterkünfte sind oft überlastet, teils nicht barrierefrei oder nicht für Familien geeignet. Das sollte Anlass sein, endlich wieder für einen fairen Wohnungsmarkt zu sorgen, um Menschen vor Existenzängsten und vor Wohnungslosigkeit zu schützen.
Einen ganzheitlichen Ansatz in der Obdachlosenhilfe
Wohnungs- und Obdachlosigkeit lassen sich nicht allein durch mehr und günstigere Wohnungen lösen. Oft benötigen Menschen in diesen Lebenssituationen weitergehende Unterstützung, weswegen wir Wohnungs- und Obdachlosenhilfe ganzheitlich denken müssen. Hier zeigt sich das enorme Potenzial von Konzepten wie Housing First. Die Idee: Menschen erhalten bedingungslos eine eigene Wohnung – ohne vorherige Therapien, „Bewährung“ in Notunterkünften oder andere Auflagen. Erst danach werden freiwillige Hilfen angeboten – von Schuldenberatung über medizinische Versorgung bis hin zu beruflicher Qualifizierung. Das Prinzip: Stabilität durch eigene Wohnung zuerst – alles Weitere kann darauf aufbauen. Studien zeigen, dass rund 80 % der ehemals obdachlosen Menschen, die über Housing First untergebracht wurden, langfristig stabil wohnen bleiben. In Dortmund wird Housing First bereits seit 2019 vom Sozialen Zentrum Dortmund e.V. umgesetzt. Die Stadt verfolgt mit dem „Aktionsplan Obdachlosigkeit 2030“ einen breiten Ansatz, der sowohl Prävention, Akuthilfe als auch langfristige Perspektiven umfasst. Einzelne Wohnungen werden gezielt an obdachlose Menschen vermittelt – inklusive individueller Begleitung durch Sozialarbeiter*innen.
Erste Erfolge sind sichtbar, doch der Plan stößt auf strukturelle Grenzen: Es fehlt grundsätzlich an verfügbarem, bezahlbarem Wohnraum. Selbst wenn Wohnraum vorhanden ist, stoßen Träger oft auf bürokratische Hürden bei der Anmietung oder begegnen Vorbehalten von Vermieter*innen. Das gilt es langfristig abzubauen und Wohnraum für diese Konzepte zu schaffen. Und zwar nicht in einzelnen Städten, sondern in ganz NRW.
Neben dem Zugang zu Wohnraum ist auch der Weg zurück in Arbeit oder Ausbildung für viele Menschen entscheidend. Menschen, die lange wohnungslos waren, haben oft kaum noch Anbindung an den Arbeitsmarkt – sei es durch psychische Belastung, Lücken im Lebenslauf oder fehlende Qualifikationen. In Düsseldorf setzt das Projekt „Wohnen, Leben, Arbeiten“ des Vereins fiftyfifty genau da an: Mit niedrigschwelligen Jobangeboten im Bereich Straßenzeitung, Stadtführungen oder Kreativprojekten sollen erste Brückengebaut werden. Die Verbindung von Beschäftigung, Anerkennung und psychosozialer Unterstützung kann ein Schlüssel sein, um Isolation zu durchbrechen und neue Stabilität zu gewinnen. Fiftyfifty initiiert außerdem Housing-First-Fonds und unterstützt wohnungs- und obdachlose Menschen bei der Vermittlung einer Wohnung.
Dass solche Angebote aber immer noch hauptsächlich von Vereinen und nicht staatlich gewährleistet werden, und stattdessen Debatten über 1-Euro-Jobs geführt werden, ist nicht nur menschlich sehr abstoßend, sondern schlicht ineffektiv, denn wir sehen, dass Konzepte wie Housing First in Kombination mit Qualifizierungsangeboten gut funktionieren können. Aber es fehlt an flächendeckender Finanzierung, an politischer Initiative auf Landesebene – und an einer klaren Prioritätensetzung zugunsten der Betroffenen. Denn solange sich der jetzt kommende „Bauturbo“ nur auf hochpreisige Eigentumswohnungen konzentriert, solange sozialer Wohnungsbau ein Nischenthema bleibt und Betroffene hauptsächlich verwaltet statt ermächtigt werden, wird sich an der Situation wenig ändern.
Was wir brauchen, ist ein Ende der Verdrängungspolitik, ein klarer Fokus auf sozialen Wohnungsbau, eine langfristige Verlängerung der Mietpreisbremse in Ballungsgebieten, mehr Mittel für Housing First – und politische Akteur*innen, die nicht an Immobilienrenditen, sondern an Menschenwürde orientiert sind.
Zur Autorin: Michelle (19) kommt aus Dortmund und bekommt derzeit mit, wie kalt die CDU über Obdachlose spricht, die den Drogenkonsumraum vor Ort benötigen. Deswegen hat sie sich mal angeschaut, was die Probleme der Betroffenen wirklich lösen würde.



