NRW Jusos – Blog
Psychotherapie on Life-Support?
– Wie Kürzungen in der ambulanten Psychotherapie unsere Gesundheitsversorgung gefährden
Blogbeitrag von Dennis Schnittke aus dem Landesvorstand: Egal auf welchen politisch relevanten Bereich man schaut, man hört momentan vor allem eines: Sparen! Sparen! Sparen! Das Gesundheitswesen ist da leider keine Ausnahme. Nur an schlechten Ideen wird nicht gespart, wie die Kürzungen in der Psychotherapie jetzt wieder unter Beweis stellen.
Rückten psychische Erkrankungen in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus und wurden Teil eines breiteren, entstigmatisierten gesellschaftlichen Diskurses, setzt die Politik dieser erfreuliche Entwicklung nun einen Riegel vor. Der Erweiterte Bewertungsausschuss (EBA), ein Schiedsgremium welches Konflikte zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassenvereinigung (GKV) schlichtet, hat entschieden, dass die Honorare für Psychotherapeut*innen in der ambulanten Psychotherapie um 4,5% gekürzt werden sollen. Diese Regelung ist seit dem 01. April wirksam. Für eine Psychotherapiepraxis sind das tausende Euro an Verlusten. Besonders brisant ist, dass die GKV ursprünglich eine Honorarkürzung von 10% vorgeschlagen hatte. Die 4,5% sind dementsprechend ein durch die EBA beschlossener Kompromiss zwischen GKV und KBV.
Wer braucht eigentlich Therapie?
Die psychotherapeutische Versorgung in Deutschland steht schon lange auf wackeligen Beinen. 27,8% der Erwachsenen in Deutschland sind, Stand 2025, jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das sind fast 18 Millionen Personen. Es nehmen jährlich jedoch nur 18,9% der Betroffenen den Kontakt zu Behandler*innen auf. Trotzdem ist die Lage bei der Suche eines Therapieangebots bereits angespannt. Hinzu kommt, dass laut der Mental Health Surveillance Studie des RKI von 2025, die Fälle psychischer Erkrankungen unter Erwachsenen immer weiter zunehmen. 2023 waren pro Quartal ungefähr 1,86 Millionen Menschen bei 31.924 niedergelassenen Psychotherapeut*innen in Behandlung. Schon hier konnte mit einer Wartezeit von vier bis sechs Monaten gerechnet werden2. Viel zu lange, wenn man bedenkt, wie hoch Leidensdruck und sonstige Belastungen im Rahmen einer akuten psychischen Erkrankung sind. Diese Lage wird sich im Rahmen der Honorarkürzungen noch weiter verschärfen.
Honorarkürzungen? Aber das betrifft mich als Patient*in nicht! Oder doch?
Es gibt immer mehr Psychotherapeut*innen, aber zeitgleich auch einen immer größer werdenden Bedarf an Behandlungsplätzen. Das lässt sich unter anderem auch auf die Entstigmatisierung von psychotherapeutischen Behandlungen zurückführen. Diesem Mehrbedarf kann jedoch nicht nachgekommen werden, wenn es Honorarkürzungen gibt. Ganz im Gegenteil! Therapeut*innen könnten gezwungen sein mehr Privatpatient*innen und Selbstzahler anzunehmen, da diese nicht in der gesetzlichen Krankenversicherung sind und so ein höheres Honorar abgerechnet werden kann. Kassenpatient*innen würden dann an zweiter Stelle stehen.
Wenn wir uns all diese Fakten ansehen, wird schnell klar: Dieses Problem geht uns alle etwas an! Im schlimmsten Fall müssen Praxen schließen, weil sie die fehlenden Einnahmen nicht ausgleichen können. Das wäre vor allem auf dem Land fatal, wo die psychotherapeutische Versorgungslage ohnehin kritisch ist. Der Plan der GKV im Bezug auf Einsparungen wird so oder so nicht aufgehen: Mittel- und langfristig führen unbehandelte psychische Erkrankungen häufig zu Arbeitsunfähigkeit und letztlich zu Langzeittherapien. Das Gesundheitssystem wird dementsprechend nur an einer anderen Stelle belastet.
Und jetzt?
Die KBV hat Klage gegen die Honorarkürzungen beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg eingereicht. Zeitgleich demonstrierten in den letzten Wochen bundesweit tausende Psychotherapeut*innen gegen die Sparmaßnahmen. Psychotherapie ist eine wichtige Säule unseres Gesundheitswesens. Sie unterstützt nicht nur unser mentales Wohlergehen, sondern sichert auch soziale Teilhabe, den Arbeitsplatz und zwischenmenschliche Beziehungen.
Und die Sparmaßnahmen betreffen nicht nur den Bereich Psychotherapie. Die geplante Gesundheitsreform von Bundesministerin Nina Warken bedroht die gesamte Versorgungssicherheit in Deutschland. Was dabei außer Acht gelassen wird – die Sparmaßnahmen haben ihren Preis: die Gesundheit und das Leben jedes einzelnen Menschen. Ein Preis, der mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist. Wir fordern deshalb: Der Kahlschlag muss da stoppen, wo Menschlichkeit anfängt!



