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NRW Jusos – Magazin

20. April 2026

Zwischen Luftalarm und Alltag

„WIR VERSUCHEN ALLE, DIE WAR-LIFE-BALANCE ZU HALTEN.“

Als Hannah diesen Satz sagt, wirkt er im ersten Moment fast absurd. Wie kann es so etwas geben – eine Balance zwischen Krieg und Alltag? Doch genau so beschreibt Hannah ihr Leben in Kyjiw. Sie lebt seit fünf Jahren in der Ukraine und arbeitet seit vier Jahren für Caritas international. Davor war sie Jugendbildungsreferentin im Landesbüro der NRW Jusos. Eigentlich wollte sie nur ein oder zwei Jahre in der Ukraine bleiben. Heute sind daraus fünf Jahre geworden – und vier Jahre Krieg. Wir haben Hannah zu einem Gespräch via Videokonferenz getroffen.

Hannah hat ihren Job bei Caritas international Anfang Februar 2022 begonnen. Wenige Tage später begann die russische Vollinvasion. Geplant war ursprünglich, in einem kleineren humanitären Projekt in der Ostukraine zu arbeiten. Niemand konnte damals ahnen, welche Dimension der Krieg annehmen würde. Trotzdem war die Ukraine für Hannah schon lange mehr als nur ein Arbeitsort. Sie beschreibt ihre enge Verbindung zu dem Land, zu den Menschen, zur Kultur. Sie wollte bewusst dorthin gehen, weil sie die Ukraine mag. Heute lebt sie in Kyjiw – in einer Stadt, in der der Alltag weitergeht und gleichzeitig nie Normalität herrscht.

Denn ja: In Kyjiw gibt es Cafés, Restaurants, Konzerte, volle Straßen und Menschen, die arbeiten, Freund*innen treffen oder feiern. Doch all das findet unter einer dauerhaften Anspannung statt. Luftalarm gehört zum Alltag. Nächtliche Angriffe ebenso. Viele Menschen schlafen schlecht, sind erschöpft und leben ständig mit dem Gefühl, dass die Situation jederzeit wieder eskalieren kann. Hannah beschreibt diesen Zustand als permanentes Leben zwischen Normalität und Ausnahmezustand. Nach besonders schweren Angriffen in der Nacht seien die Menschen am nächsten Tag müde, gereizt und „ein bisschen neben sich“. Das Leben gehe weiter – aber es sei alles andere als ein normales Leben.

DER VERGANGENE WINTER WAR UNGLAUBLICH HART.

Er war nicht nur ungewöhnlich kalt, sondern auch einer der schwierigsten Winter seit Beginn des Krieges. Viele Menschen seien körperlich und psychisch erschöpft. Monatelang ging es vor allem darum, irgendwie durchzukommen: warm bleiben, mit Stromausfällen umgehen, den Alltag aufrechterhalten. Für soziale Kontakte, Freund*innenschaften oder Freizeit blieb kaum Kraft. Jetzt, im Frühling, merke man zwar, dass langsam wieder etwas Leben zurückkommt. Menschen treffen sich wieder häufiger, gehen wieder raus. Aber die Erschöpfung bleibt.

„ DIE SOZIALE BATTERIE IST IRGENDWIE AUS.“

sagt Hannah. Viele bräuchten Zeit, um das zu verarbeiten, was in den letzten Monaten und Jahren passiert ist. Gleichzeitig ist da die Unsicherheit. Niemand in der Ukraine rechnet aktuell mit einem schnellen Ende des Krieges. Die politischen Entwicklungen weltweit, die Debatten über Unterstützung und Waffenlieferungen oder die Unsicherheit über internationale Partner*innen werden sehr genau beobachtet. Doch im Alltag vieler Menschen spielen politische Diskussionen oft eine geringere Rolle, als man von außen vielleicht denken würde. Die meisten Menschen beschäftigen vor allem ganz konkrete Fragen: Wie halte ich meinen Alltag am Laufen? Wie schaffe ich es, meinen Kindern trotz Krieg eine gute Kindheit zu ermöglichen? Wie kann ich arbeiten, wenn der Strom ausfällt? Wie bleibe ich psychisch stabil?

DIE ARBEIT UND DAS ENGAGEMENT GEHEN WEITER.

Hannah arbeitet bei Caritas international genau an diesen Fragen. Sie beschreibt ihre Rolle als eine Art Brücke zwischen Caritas Deutschland und den ukrainischen Partnerorganisationen. Gemeinsam analysieren sie, wo Hilfe gebraucht wird, schreiben Projekte, verwalten Budgets und sorgen dafür, dass Spendengelder dort ankommen, wo sie dringend benötigt werden. Das Besondere sei, dass Caritas in der Ukraine auf ein dichtes Netz lokaler Strukturen zurückgreifen könne. Es gibt über 50 lokale Caritas-Zentren, die oft schon seit Jahrzehnten in ihren Regionen verankert sind. Gerade deshalb könne Hilfe schnell und zielgerichtet organisiert werden.

„Und neben dieser Büroarbeit habe ich dankenswerterweise auch die Möglichkeit, für Projektbesuche im ganzen Land unterwegs zu sein. Und das ist eigentlich immer das Schönste an meiner Arbeit. Also ich komme wirklich weit rum, sowohl im Osten als auch ganz im Westen der Ukraine. Ich spreche mit den lokalen Teams, kann sehen, was umgesetzt wird, welche konkrete Hilfe geleistet wird, auch mit den ‚Begünstigten‘, so heißt es in der humanitären Arbeit. Das ist total inspirierend und für mich auch so der schönste Teil meiner Arbeit.“

Hannah über die Arbeit vor Ort
DIE ARBEIT VON CARITAS INTERNATIONAL KONZENTRIERT SICH AKTUELL VOR ALLEM AUF VIER BEREICHE:

Erstens: akute Nothilfe. Vor allem in der Ost- und Südukraine werden Bargeldhilfen ausgezahlt, Transitunterkünfte für Evakuierte organisiert und Winterhilfe geleistet.

Zweitens: Wiederaufbau. In vielen Dörfern und kleineren Orten werden zerstörte Häuser und Wohnungen repariert. Während in den Großstädten oft staatliche oder internationale Programme greifen, sind gerade ländliche Regionen auf Unterstützung angewiesen.

Drittens: psychosoziale Unterstützung. Viele Menschen sind traumatisiert – Kinder, Binnenvertriebene, Angehörige, aber auch demobilisierte Veteran*innen, die von der Front zurückkehren. Hannah beschreibt, wie groß die Herausforderung sein wird, Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren, die körperlich oder psychisch schwer verletzt aus dem Krieg zurückkommen.

Viertens: soziale Hilfe. Dieser Bereich ähnelt am ehesten dem, was Menschen von der Caritas in Deutschland mitbekommen. Es geht hier um die Arbeit mit älteren Menschen, aber auch die Betreuung von Kindern und Jugendlichen, um sichere Orte zum Spielen und für die Entwicklung.

ALL DAS WÄRE OHNE DIE MITARBEIT VON FREIWILLIGEN BZW. EHRENAMTLER*INNEN KAUM ZU LEISTEN

„Freiwillige spielen bei uns eine sehr große Rolle. Im ukrainischen Caritas Netzwerk gibt es ungefähr 3.000 Hauptamtliche und ungefähr 9.000 Ehrenamtliche.. Und die unterstützen in allen Bereichen, also von Spielangeboten für Kinder bis Essensausgaben, aber auch zum Teil Evakuierungen in der Ostukraine nahe der Frontlinie. Viele der Freiwilligen sind selbst zum Beispiel mal Hilfeempfangende gewesen, 30 Prozent ungefähr sind auch Binnenvertriebene. Das heißt, es sind auch Leute, die wirklich was zurückgeben wollen an die Gesellschaft. Das ist extrem schön zu sehen. Wir als Caritas haben extra ein eigenes Programm für die Freiwilligen aufgebaut mit allerlei Arten der Unterstützung, weil es auch teilweise zu belastenden Momenten kommen kann in der freiwilligen Arbeit. Über jeden und jede Freiwillige sind wir enorm dankbar – und versuchen deshalb, sie so gut es geht zu fördern und zu unterstützen!“

Hannah über das große Freiwilligennetzwerk

Hannah begegnet in Kyjiw jeden Tag Menschen mit Prothesen, mit schweren Traumata oder Menschen, die durch das Erlebte in Sucht oder Depression geraten. Daraus ergibt sich eine enorme gesellschaftliche Aufgabe. Es braucht barrierefreie Räume, Respekt, Unterstützung und die Bereitschaft, sich als Gesellschaft mit den Folgen des Krieges auseinanderzusetzen. Denn die Ukraine wird nicht nur zerstörte Häuser wieder aufbauen müssen. Sie wird auch lernen müssen, mit einem gesellschaftlichen Trauma umzugehen.

”Es gibt kaum Anzeichen für ein Ende des Kriegs. Wir hatten zuletzt einen der größten Angriffe auf die Ukraine, mit über 1000 Drohnen und Raketen innerhalb von 24 Stunden, nachts und tagsüber. Es gibt mehrere Tage in der Woche Luftangriffe – und Luftalarm. Russland rückt von den eigenen diplomatischen Maximalforderungen nicht ab. Das alles zeigt hier den Menschen vor Ort immer wieder, dass es ein schnelles Ende nicht zu geben scheint. Und was bedeutet „Ende des Kriegs“ genau? Also reden wir von einem Waffenstillstand? Was folgt auf den Waffenstillstand? Was passiert mit dem geographischen Nachbarn Russland, der der Nachbar bleibt und weiterhin imperialistische Ansichten hat? Was passiert mit dem Nachbarn, der im schlechtesten Falle nichts gelernt hat von dem Angriffskrieg und dafür nicht bestraft wurde?“

Von einem schnellen Ende des Krieges geht, so Hannah, vor Ort kaum jemand aus
GEMEINSCHAFT, GRUNDANSPANNUNG, GERECHTIGKEIT

Hannah spricht auch von den Begriffen „Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung“. Kriegsverbrechen müssen aufgearbeitet werden. Menschen brauchen Räume zum Trauern. Und die Gesellschaft braucht Zeit und Unterstützung, um heilen zu können.

Gleichzeitig erlebt Hannah aber auch etwas anderes: eine enorme Solidarität innerhalb der ukrainischen Gesellschaft. Menschen sammeln ständig Spenden, unterstützen Nachbar*innen, helfen beim Wiederaufbau, organisieren Kulturveranstaltungen oder kümmern sich umeinander. Viele Menschen erleben zum ersten Mal ein neues, starkes Gemeinschaftsgefühl.

Diese Solidarität zeigt sich auch in Kultur und Identität. Ukrainische Musik, Kunst und Sprache sind sichtbarer geworden. Viele Menschen setzen sich neu mit ihrer Geschichte auseinander. Die Ukraine versucht, sich selbst neu zu definieren – als eigenständige, demokratische Gesellschaft.

WIE AUS DEUTSCHLAND HERAUS UNTERSTÜTZEN?

Gerade deshalb, sagt Hannah, dürfe die Solidarität aus Deutschland nicht nachlassen. Sie richtet sich dabei auch ausdrücklich an die Jusos. Es gehe darum, klar zu benennen, was passiert: Russland begeht Kriegsverbrechen, verletzt das Völkerrecht und führt einen Angriffskrieg in Europa. Darüber dürfe es keine Unklarheit geben. Gleichzeitig fordert Hannah aber auch, dass wir bereit sind, unsere eigenen Debatten ehrlich zu führen. Was bedeutet linke Außenpolitik im Jahr 2026? Was bedeutet die viel zitierte „Zeitenwende“ konkret? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus für Fragen wie Waffenlieferungen, Wehrpflicht oder europäische Sicherheit? Sie sagt nicht, dass es auf all diese Fragen einfache Antworten gibt. Aber sie fordert, dass wir uns ihnen stellen – und dabei stärker auf die Perspektive der Ukrainer*innen hören.

Denn aus ihrer Sicht ist klar: Die Ukraine muss in der Lage sein, sich zu verteidigen. Hannah beschreibt, wie sie nachts im Luftschutzkeller sitzt und das Geräusch von Drohnen und Raketen hört. Wenn dann die Luftabwehr aktiv wird, fühle sie sich sicherer. Deshalb dürfe die Unterstützung der Ukraine kein Streitpunkt sein, sondern müsse Ausdruck konkreter Solidarität sein.

„Niemand hier im Land hat Lust auf Krieg. Die Demokratie hier ist sehr jung, gerade mal 34 Jahre. Und diese Zivilgesellschaft versucht, unter extremen Bedingungen, ein durchweg rechtsstaatliches und demokratisches System aufzubauen. Ich würde mir wünschen, dass man aus Deutschland heraus mit ein bisschen mehr Güte auf dieses Land und seine Leute schaut.“

Hannah über die Außenperspektive auf die Ukraine
WAS HEISST DAS, SOLIDARISCH SEIN?

Solidarität beginnt nicht erst in Berlin oder Brüssel. Sie beginnt auch im Kleinen. Hannah ruft dazu auf, Räume zu schaffen: für ukrainische Stimmen, für Geflüchtete, für Kultur, für Gespräche. Demonstrationen, Veranstaltungen, Spendenaktionen oder einfach das Zuhören – all das mache einen Unterschied. „Ihr müsst gar nicht so viel machen“, sagt sie. „Aber ihr dürft das Narrativ nicht den Angreifern überlassen, sondern den Angegriffenen.“

Für uns als politischer Jugendverband heißt das konkret: weiter solidarisch bleiben! Nicht wegsehen. Nicht abstumpfen. Und nicht zulassen, dass dieser Krieg zur bloßen Hintergrundmeldung wird. Die Menschen in der Ukraine müssen wissen, dass wir sie nicht vergessen. Слава Україні!

Wir danken Hannah für das Gespräch und ihre wertvolle Arbeit in der Ukraine.


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