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NRW Jusos – Blog

10. Dezember 2025

Aus den Bergen wächst die Freiheit

Feministischer Widerstand in Kurdistan

Der Femizid an der 22-jährigen Kurdin Jina Mahsa Amini durch die iranische „Sittenpolizei“ im September 2022 markierte den Auslöser landesweiter Proteste im Iran [1]. Unter dem Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ – auf Deutsch „Frau, Leben, Freiheit“ – erhoben sich Frauen und marginalisierte Gruppen gegen das repressive Regime. In wenigen Wochen weitete sich diese von Frauen angeführte Revolte zu einem Aufstand in allen 31 Provinzen des Landes aus [1]. Über 200 Menschen wurden getötet, Tausende verhaftet [1]. Die Proteste nahmen ein revolutionäres Ausmaß an , was eng mit der kurdischen Identität Jina Mahsa Aminis verknüpft ist [2]. Ihre kurdische Herkunft und der Ruf nach „Jin, Jiyan, Azadî“ verbinden die Aufstandsbewegung mit einer längeren Geschichte feministischen Widerstands in Kurdistan. Schon Jinas Familie betonte dies mit den Worten, sie sei „die Tochter Kurdistans; die Tochter derer, die nach Freiheit streben“ [3]. Tatsächlich erschütterten die  Proteste nicht nur den Iran und Ostkurdistan, sondern strahlten auf die gesamte Region aus und haben weltweit Solidaritätsaktionen ausgelöst [1].

Widerstand und Frauenbewegung in Kurdistan

In Kurdistan selbst blickt die Gesellschaft auf Jahrzehnte des Widerstands zurück. Bereits vor der iranischen Revolution 1979 formierten sich linke und feministische Bewegungen, oft unter kurdischer Führung [4]. Aus der Unterdrückung durch die Staaten Iran, Irak, Türkei und Syrien erwuchs eine kurdische Widerstandstradition, die bis heute anhält [5]. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die kurdische Frauenbewegung. In den 1990er Jahren vollzog die kurdische Befreiungsbewegung einen Paradigmenwechsel: Frauenemanzipation rückte ins Zentrum ihres Kampfes, ganz gemäß der Logik, dass eine Gesellschaft nicht frei sein kann, wenn die Frauen nicht frei sind [6]. Frauen gründeten autonome Strukturen und Einheiten, von Frauenräten bis zu bewaffneten Verbänden, um sich gegen patriarchale Unterdrückung zu wehren.

So entstand auch der Slogan „Jin, Jiyan, Azadî“ innerhalb der kurdischen Bewegung als Ausdruck dieses Vermächtnisses von Kampf und Befreiung [7][8].

Es ist kein Zufall, dass derselbe Slogan nun das Leitmotiv der iranischen Proteste wurde[9]. „Jin, Jiyan, Azadî“ geht unmittelbar auf den Kampf kurdischer Frauen in der kurdischen Befreiungsbewegung zurück [9]. Kurdische Frauen haben über Jahrzehnte gegen verschiedene Formen von Herrschaft gekämpft: gegen staatliche Gewalt, gegen islamistischen Terror und gegen patriarchale Strukturen. Sie standen an vorderster Front im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ in Syrien und im Irak, etwa in den Frauenverteidigungseinheiten YPJ in Rojava [10]. Der Ruf „Frau, Leben, Freiheit“ erklang weltweit, als kurdische Kämpferinnen den IS zurückdrängten, und ebenso im Gedenken an ermordete kurdische Aktivistinnen wie Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez [11]. Zahlreiche kurdische Frauen haben für diese Utopie ihr Leben geopfert [12]. Ihr Vermächtnis lebt in dem Slogan weiter. Jin, Jiyan, Azadî ist das Echo dessen, was Kurd*innen in allen Teilen Kurdistans über Jahrzehnte erkämpft und aufgebaut haben [13]. Diese Tatsache darf nicht ausgeblendet werden. Sie nährt die aktuellen Aufstände und erklärt mit, warum gerade in den kurdischen Gebieten der Widerstand gegen das Regime so entschlossen ist [14]. Die kurdische Frauenbewegung hat längst eine feministische Revolution hervorgebracht, exemplarisch in Rojava, wo ein gesellschaftliches Modell aufgebaut wurde, das Freiheit und Gleichberechtigung praktisch umzusetzen versucht [15]. Dieses emanzipatorische Projekt dient vielen in der Region als Vorbild.

„Frau, Leben, Freiheit“ – Aufstand im Iran

„Unmittelbar nach Jina Aminis Tod, begannen die Proteste im Iran in ihrer kurdischen Heimatstadt Saqqez (Seqiz). Trotz Versuchen der Behörden, die Beerdigung unter Aufsicht zu halten, kam es dort zu ersten Demonstrationen: Frauen legten öffentlich ihre Kopftücher ab, verbrannten Hijabs und skandierten Parolen [16]. Von Saqqez aus verbreitete sich der unaufhaltsame Aufstand im September 2022 rasch über das ganze Land [17]. In den folgenden Tagen und Wochen organisierten kurdische Oppositionsparteien Generalstreiks in Kurdistan, denen sich viele Städte anschlossen [18]. Die breite Unterstützung führte dazu, dass z.B. die Stadt Şino (Oshnavieh) in der Provinz Urmia zeitweise von der Bevölkerung kontrolliert wurde, nachdem die Regimekräfte dort vertrieben worden waren [19]. Bei diesen kurdischen Aufständen gegen die Zentralregierung stehen Frauen an vorderster Front [19]. Insgesamt haben sich alle Landesteile – von Teheran bis Belutschistan – dem Ruf nach Frau, Leben, Freiheit angeschlossen [1].

Das iranische Regime reagierte mit brutaler Gewalt, besonders gegen Kurdinnen und andere Minderheiten. Bereits Ende September 2022 beschoss die Revolutionsgarde Ziele in den kurdischen Gebieten im Irak mit Raketen und Artillerie [20]. In der überwiegend kurdischen Stadt Sanandaj (Provinz Kurdistan) wurde von einem Massaker durch Sicherheitskräfte berichtet [21]. Berichte über Folter und sexualisierte Gewalt an festgenommenen Frauen und Mädchen häuften sich [22]. Der Staat stellt kurdischen Protest seither pauschal als „separatistische Verschwörung“ dar, um das gewaltsame Vorgehen zu legitimieren [23]. Trotz dieser Repression zahlen Frauen und ethnische Minderheiten weiterhin den höchsten Preis im Kampf gegen die Islamische Republik. Viele von ihnen haben seit 1979 ununterbrochen Widerstand geleistet. Sie waren diejenigen, die auch dann auf der Straße blieben, als der revolutionäre Moment vorbei war – und heute sind sie erneut die ersten, die entschlossen nach Freiheit rufen. Ihre Entschlossenheit gründet auch darin, dass Frauen und Kurdinnen ihren jahrzehntelangen Kampf um Selbstbestimmung endlich erfolgreich zum Abschluss bringen wollen.

„Aufgrund des 45-jährigen ununterbrochenen Widerstands wollen die Kurdinnen Teil jeder grundlegenden politischen Veränderung im Iran sein – sie wollen maßgeblich daran beteiligt werden.“

Wie es ein Demonstrant aus dem kurdischen Sanandaj formulierte:

Die Forderungen der aktuellen Revolte greifen daher weit und es geht nicht nur um die Abschaffung des Kopftuchzwangs, sondern um grundlegende Rechte, gesellschaftliche Teilhabe und ein Ende aller Formen von Unterdrückung.

Feministischer Widerstand kennt keine Grenzen

Die Verbindung der kurdischen Frauenbewegung mit der aktuellen iranischen Frauenrevolte zeigt deutlich: Feministische Kämpfe lassen sich nicht in nationalen Grenzen einsperren. Die Unterdrückungssysteme Patriarchat, Autoritarismus, Kolonialismus, wirken grenzüberschreitend und ebenso übergreifend formiert sich der Widerstand dagegen. Internationale radikale Solidarität mit den Aufständen in Iran und Kurdistan bedeutet daher, auch die gedanklichen Grenzen zu sprengen und den westlichen Blickwinkel zu erweitern [24]. Es gilt, die Ereignisse im größeren regionalen und historischen Kontext zu begreifen [24]. Feministische Kämpfe, insbesondere die kurdischer Frauen, waren schon immer transnational und voneinander nicht zu trennen [25]. Die jetzige Rebellion in Iran und Kurdistan sollte Feminist*innen weltweit Anlass sein, den Blick für bereits existierende revolutionäre feministische Alternativen zu öffnen [26].

Tatsächlich haben Frauen in vielen Teilen der Welt bewiesen, dass Widerstand möglich ist. Von Kurdistan und Iran bis Afghanistan [27]. Überall dort stemmen sich Frauen gegen patriarchale Gewalt, staatliche Repression und Krieg. Diese Kämpfe sind Teil eines weltweiten Aufbegehrens gegen Herrschaftssysteme, die auf der Kontrolle von Körpern und Leben basieren [27]. Sie brauchen Organisierung, Solidarität und Bündnisse über alle Grenzen hinweg [28]. „Jin, Jiyan, Azadî“ ist so zu einem globalen Symbol des feministischen Widerstands geworden. Der Slogan erinnert daran, dass ohne Freiheit der Frauen weder Leben noch Gesellschaft wirklich frei sein können. Die anhaltenden Kämpfe in Kurdistan, im Iran und darüber hinaus führen uns vor Augen, dass die Befreiung der Frau der Schlüssel zu einer freien, gerechten Zukunft für alle ist.

Quellen:

  1. Hêlîn Dirik: Echo des kurdischen Freiheitskampfs. Missy Magazine, 18.10.2022. [1] [2] [3] [4] [5] [9] [10] [11] [12] [13] [14] [15] [16] [17] [18] [19] [20] [21] [22] [23] [24] [25] [26]
  2. Meghan Bodette: “Jin, jiyan, azadi” ist kein Hashtag – Die tiefgehenden Wurzeln des ikonischen Slogans im Kampf der kurdischen Frauen. Progressive International, 14.10.2022. [6] [7] [8]
  3. Cênî – Kurdisches Frauenbüro für Frieden e.V.: Frauen an der Spitze des Widerstands – Kein Frieden mit Patriarchat und Kapitalismus! (Statement zum 8. März 2025)[27][28].

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