NRW Jusos – Blog
Die Care-Revolution beginnt zu Hause
Für eine feministische Familienpolitik
Mitte Februar ging ein Erdbeben durch die französische Gesellschaft. Die französische Regierung möchte an alle 29-Jährigen einen Brief verschicken, in dem sie über Fruchtbarkeit aufgeklärt und somit zum Kinderkriegen animiert werden sollen. Sacré Bleu! Diese massive Einmischung des Staates in die Familienplanung ist Teil einer Maßnahme, die dem Geburtenrückgang in Frankreich entgegenwirken soll. Die Implikationen dieses Vorgehens? Höchst problematisch. Lebensrealitäten wie gleichgeschlechtliche Beziehungen, Unfruchtbarkeit, oder einfach der mehr als legitime Wunsch, keine Kinder bekommen zu wollen, werden hier einfach übergangen. Gleichzeitig muss auch anerkannt werden, dass dieser Appell sich nur vorgeblich sowohl an Männer als auch an Frauen richtet. Frauen sind nämlich diejenigen, die ihren Körper bereitstellen, um die geforderten Kinder auszutragen.
Trotz der hochproblematischen Untertöne lädt diese Schlagzeile zu einem Gedankenexperiment ein. Was würde passieren, wenn die Merz-Regierung einen ähnlichen Aufschlag in der Familienpolitik machen würde? Was ist die derzeitige Lebensrealität heterosexueller Frauen in Deutschland, wenn sie eine Familie gründen?
Wer leistet eigentlich unsere Care-Arbeit?
Die Forderung, dass Paare mehr Kinder bekommen sollten, erscheint aus Sicht der Politik nachvollziehbar. Die deutsche Gesellschaft ist stark überaltert. Laut statistischem Bundesamt ist jede zweite Person in Deutschland älter als 45, jede fünfte Person älter als 66. Die Geburtenrate von 1,34 Kindern pro Frau wird diesen Trend auch nicht aufhalten können.1
Statt jedoch mit dem Finger auf die Frauen zu zeigen, die eines oder keine Kinder bekommen, sollten wir uns erstmal mit der Realität von Mutterschaft in heterosexuellen Beziehungen befassen.
Diese ist nämlich noch immer geprägt von antiquierten Rollenbildern, die teilweise noch staatlich subventioniert werden (siehe Artikel im Verbandsmagazin zum Ehegattensplitting).
Frauen leisten laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2022 43,4% mehr unbezahlte Sorgearbeit (Care-Arbeit) als Männer. Hierzu zählen neben Haushaltsführung, Pflege, Ehrenamt, informeller Hilfe für andere Haushalte und Wegzeiten auch die Kinderbetreuung.2 Das hat erhebliche Auswirkungen auf die finanzielle Situation von Frauen. Kinder zu haben, heißt für viele Frauen noch immer in Elternzeit zu gehen, um sich um sie kümmern zu können. 25% der Mütter, deren jüngstes Kind unter 6 Jahren ist, haben sich im Jahr 2024 Elternzeit genommen. Unter den Vätern waren es nur 1,8%.3
Ein Ungleichgewicht, welches nicht nach der Elternzeit aufhört. Sieben von zehn Müttern arbeiten in Teilzeit. Im Vergleich dazu nur einer von zehn Vätern. Das hat direkte Auswirkung auf die Gehaltsentwicklung und beruflichen Aufstiegschancen von Frauen. Das wiederum führt zu einer verstärkten finanziellen Abhängigkeit von ihren Partnern.4 Dadurch bekommen Frauen im Schnitt deutlich weniger Rente als Männer. 20,8% aller Frauen ab 65 gelten in Deutschland als armutsgefährdet.5
Die ungleiche Verteilung von Care Arbeit in heterosexuellen Familienkonstellationen drängt Frauen demnach häufig in eine finanzielle Abhängigkeit und eine Unsicherheit in der Altersplanung. Beste Voraussetzungen, um als Frau Kinder in diesem Land zu kriegen.
Wer möchte, dass Familienplanung nicht zulasten von Müttern geht, muss sich dafür einsetzen, dass Care-Arbeit gleich aufgeteilt wird.
Ein Staat, der fordert, ist ein Staat, der fördert?
Ein Staat, der Frauen dazu auffordert, mehr Kinder zu bekommen, ist doch sicherlich in der Lage, dabei zu unterstützen, diese Kinder zu versorgen, oder? Die Realität ist leider eine andere. In Deutschland fehlen insgesamt 300.000 Kitaplätze für unter Dreijährige. Damit sind 14,2% der Kinder unter drei ohne Betreuung. Wer diesen Betreuungsnotstand auffängt, sollte nach dem vorangegangenen Abschnitt klar sein. Spitzenreiter bei den fehlenden Kitaplätzen ist übrigens unser schönes NRW. Hier fehlen insgesamt 85.000 U3-Plätze in den Kitas.6 Dabei ist frühkindliche Bildung in den Kitas wichtig und auch entscheidend für die Bildungschancen von Kindern, die nicht das Glück hatten, in Akademiker*innenhaushalte geboren zu werden. Fehlende Kitaplätze sind also ein Motor für die Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheiten. So weit, so besorgniserregend.
Diese Problematik reißt mit dem Eintritt in die Schule nicht ab. Ab August 2026 haben Erstklässler*innen einen Anspruch auf einen Ganztagsplatz. Das sollte eigentlich ein Anlass zur Freude sein, aber in der Praxis sieht das leider anders aus. Es fehlen in Westdeutschland insgesamt 150.000 Betreuungsplätze. Davon allein 45.300 in NRW.7 Familien, also vor allem Mütter, werden hier bei der Betreuung ihrer Kinder im Regen stehen gelassen.
Ein Staat, der mehr Kinder fordert, muss aber in der Lage sein, die Kinderbetreuung zu fördern. Sonst bleiben Familie und Beruf für den Großteil der Mütter unvereinbar.
Wir brauchen in NRW und ganz Deutschland einen massiven Ausbau der Infrastruktur von Betreuungsangeboten für Kinder. Für bessere Bildungschancen und zur Entlastung von Müttern.
How to Feministische Familienpolitik
Wenn es um die heterosexuelle Familie geht, leisten Mütter noch immer den größten Teil der Arbeit. Antiquierte Rollenbilder, die noch immer durch den Staat mit Maßnahmen wie dem Ehegattensplitting gefördert werden, sorgen dafür, dass Frauen überproportional mehr Care-Arbeit leisten. Das führt wiederum dazu, dass ein großer Teil der arbeitenden Mütter nur in Teilzeit gehen kann, was gravierende finanzielle Folgen mit sich bringt. Ein Staat, der Familien fördern will, schafft die Voraussetzungen dafür, dass Frauen entlastet werden. Dabei ist unser Staat schon mit der jetzigen Familiensituation komplett überfordert. Statt Appelle aus der Politik, wer wann Kinder kriegen soll, sollte sich der Staat darauf konzentrieren, die Zustände so zu verbessern, dass Familiengründung keine Aufgabe, sondern eine Freude ist. Das heißt konkret: Mehr Betreuungsplätze in Kita und OGS, mehr Anreize für eine faire Verteilung von Care-Arbeit und vor allem finanzielle Sicherheit von Müttern. So klappt die Familiengründung vielleicht auch ohne blauen Brief von der Regierung.
Wenn ihr jetzt Lust habt, mit anderen Jusos darüber zu diskutieren, wie eine feministische Familienpolitik aussehen könnte, meldet euch doch für unsere Veranstaltung am 21. März in Düsseldorf an! Hier geht’s zur Anmeldung.
- https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/_inhalt.html ↩︎
- https://www.bundesstiftung-gleichstellung.de/gleichstellungsindikatoren-und-gender-gaps-wie-koennen-wir-gleichstellung-messen/gender-care-gap/ ↩︎
- https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/elternzeit.html ↩︎
- https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html ↩︎
- https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/04/PD24_N016_12_63.html ↩︎
- https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/wido-geis-thoene-300000-kitplaetze-fuer-unter-dreijaehrige-fehlen.html ↩︎
- https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/wido-geis-thoene-150000-neue-ganztagsplaetze-in-westdeutschland-noetig.html ↩︎



