NRW Jusos – Magazin
Jung & Einsam
Aus dem Verbandsmagazin (No. 35): Warum wir Einsamkeit politisch angehen müssen
Wenn über Einsamkeit gesprochen wird, denken viele zuerst an ältere Menschen. Dabei betrifft sie längst auch viele junge Menschen. Studien zeigen, dass Einsamkeit unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen weit verbreitet ist. Eine Untersuchung der Bertelsmann Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass rund 45 Prozent der 16- bis 30-Jährigen in Deutschland moderat oder stark einsam sind. Besonders betroffen sind junge Menschen ohne Erwerbstätigkeit, mit niedrigem Bildungsniveau oder mit Migrationsgeschichte. Wichtig ist hierbei, dass Einsamkeit nicht nur unter Männern ein Problem ist (Stichwort „Male Loneliness Epidemic”), sondern einige Studien zeigen, dass Frauen ähnlich oder teilweise sogar häufiger betroffen sind.
EINSAMKEIT IST MEHR ALS NUR ALLEINSEIN
Sie entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, nicht ausreichend in soziale Beziehungen eingebunden zu sein oder niemanden zu haben, mit dem sie sich wirklich verbunden fühlen. Gerade in einer Lebensphase, die eigentlich von neuen Kontakten, Freund*innenschaften und gemeinsamer Orientierung geprägt sein sollte, kann dieses Gefühl besonders belastend sein.
Ob die Generationen Z und Alpha tatsächlich einsamer sind als frühere Generationen, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Klar ist jedoch, dass sich die sozialen Bedingungen, unter denen junge Menschen heute aufwachsen, stark verändert haben. Übergänge zwischen Schule, Ausbildung, Studium und Arbeit sind häufig unsicherer geworden. Freundeskreise verändern sich schneller, Lebensläufe verlaufen weniger geradlinig und viele junge Menschen ziehen häufiger um.
DIE STRUKTUR DES SOZIALEN LEBENS VERÄNDERT SICH.
Orte, an denen Menschen sich regelmäßig begegnen konnten, sind vielerorts unter Druck geraten. Jugendzentren, Vereine, Treffpunkte im öffentlichen Raum oder lokale Initiativen spielen eine wichtige Rolle für soziale Kontakte. Diese sogenannten „dritten Orte“, also Begegnungsräume außerhalb von Familie und Arbeit, ermöglichen Begegnungen ohne festen Anlass und häufig ohne Geld dafür bezahlen zu müssen. Gerade für junge Menschen sind sie oft entscheidend, um neue Kontakte zu knüpfen und Gemeinschaft zu erleben.
Auch technologische Entwicklungen verändern soziale Beziehungen. Digitale Kommunikation gehört heute selbstverständlich zum Alltag vieler junger Menschen. Social Media ermöglicht es, jederzeit mit anderen verbunden zu sein. Gleichzeitig ersetzen digitale Kontakte persönliche Begegnungen nur begrenzt. Kommunikation findet schneller, aber häufig auch oberflächlicher statt. Das Gefühl echter sozialer Nähe entsteht dadurch nicht automatisch.

45 % DER 16- BIS 30-JÄHRIGEN IN DEUTSCHLAND SIND MODERAT ODER STARK EINSAM.
Die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Schulschließungen, Online-Unterricht und Kontaktbeschränkungen führten dazu, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene wichtige soziale Erfahrungen nur eingeschränkt machen konnten. Studien zeigen, dass das Einsamkeitsniveau unter jungen Erwachsenen auch nach der Pandemie weiterhin hoch bleibt.
NICHT NUR DAS WOHLBEFINDEN LEIDET
Einsamkeit hat dabei nicht nur Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden. Sie kann auch gesellschaftliche Folgen haben. Junge Menschen, die sich stark einsam fühlen, zweifeln häufiger daran, selbst etwas verändern zu können. Sie schätzen ihre politische Selbstwirksamkeit geringer ein und sind deutlich unzufriedener mit der Demokratie. Interessant ist dabei, dass einsame junge Menschen nicht weniger politisch interessiert sind als andere. Sie verfolgen politische Debatten und fühlen sich von politischen Entscheidungen durchaus betroffen. Gleichzeitig glauben sie seltener, dass ihre eigene Stimme etwas bewirken kann oder dass Politik ihre Anliegen ernst nimmt. Wenn dieses Gefühl über längere Zeit bestehen bleibt, kann daraus politische Distanz entstehen. Engagement bleibt dann nicht unbedingt aus Desinteresse aus, sondern weil viele junge Menschen nicht daran glauben, tatsächlich Einfluss nehmen zu können. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Einsame junge Menschen engagieren sich durchaus, wenn sie sich angesprochen fühlen und Teil einer Gemeinschaft werden. Politisches oder gesellschaftliches Engagement kann sogar helfen, Einsamkeit zu überwinden, weil es soziale Kontakte schafft und das Gefühl vermittelt, gebraucht zu werden.
EINSAMKEIT IST NICHT NUR INDIVIDUELLES PROBLEM
Einsamkeit hat auch eine politische Dimension. Wenn junge Menschen sich dauerhaft nicht eingebunden fühlen, verliert die Demokratie wichtige Stimmen.
Politik kann Einsamkeit nicht vollständig verhindern, aber sie kann Rahmenbedingungen schaffen, die soziale Teilhabe erleichtern. Dazu gehört vor allem der Erhalt und Ausbau von Begegnungsräumen: Jugendzentren, Sportvereine, kulturelle Angebote oder öffentliche Treffpunkte, an denen junge Menschen zusammenkommen können. Gerade mit Blick auf politische Entscheidungen auf Landes- und kommunaler Ebene stellt sich deshalb eine wichtige Frage: Welche Räume schaffen wir für junge Menschen, um Gemeinschaft zu erleben und sich einzubringen? Eine Politik, die Einsamkeit ernst nimmt, stärkt nicht nur das Wohlbefinden junger Menschen. Sie stärkt auch demokratische Teilhabe. Denn Demokratie lebt davon, dass Menschen sich als Teil der Gesellschaft begreifen und das Gefühl haben, gemeinsam etwas verändern zu können.
Zur Autorin: Evin (30) glaubt an eine Gesellschaft, in der niemand einsam sein muss.



