NRW Jusos – Magazin
Wohnen, Bauen, Träumen
Aus dem Verbandsmagazin (Nr. 34): Wohnen gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Die Frage nach bezahlbarem Wohnraum gehörte in den letzten Jahren zum Kern gelungener linker Kampagnen. Sei es bei der KPD in Österreich, der Linken in Deutschland oder zuletzt im Bürgermeisterwahlkampf um New York. Politstrategisch gehört das Thema zu einem der wenigen, bei dem linke Erklärungs- und Lösungsansätze unmittelbar im gesellschaftlichen Mainstream anschlussfähig sind.
Die Behauptung des viel beschriebenen Marktversagens scheint allen einleuchtend, die schon einmal eine bezahlbare Wohnung in einer Großstadt gesucht haben. Genauso können diejenigen, die länger zur Miete wohnen, die Personifizierung dieses Versagens in Form raffgieriger Vermieter*innen, oft große Wohnungskonzerne, nachvollziehen. Logisch also, dass auch die Jusos sich bei der letzten Bundestagswahl dafür entschieden haben, mit der sogenannten „WG-Garantie“ auf ein wohnungspolitisches Thema zu setzen. Nach diesem Konzept sollen Studierende und Auszubildende einen bestimmten Maximalbetrag Miete für ihr WG-Zimmer zahlen müssen. Sollte für das Zimmer trotz Mietendeckel eine höhere Miete anfallen, würde der ausstehende Betrag vom Staat übernommen werden.
Dieser Vorschlag ist beispielhaft für eine ganze Reihe sozialdemokratischer und linker Lösungsansätze für die sogenannte Wohnungskrise. Gemeinsam haben sie vor allem eins: Sie setzen am Ende des Prozesses zur Schaffung von Wohnraum an und versuchen, bezahlbaren Wohnraum durch Preisregulierung zu schaffen. Gegen jeden dieser Vorschläge liegt die Gegenargumentation der Wirtschaft auf der Hand: Mietendeckel und Co. bauen keine neuen Wohnungen. Jede mietpolitische Maßnahme mache es unattraktiver, in den Wohnungsmarkt zu investieren, und verschärfe das Problem, anstatt es zu lösen.
Wir können dieser Kritik nicht zustimmen.
Aber wir brauchen mehr Antworten, die über die Mietpolitik hinausgehen. Wir brauchen ein besseres Verständnis der Probleme auf dem Wohnungsmarkt. Dieser Beitrag soll dabei argumentativ helfen, politisch alternative Konzepte zu entwickeln und neue Ideen zu finden.
Wo genau wütet die Wohnungskrise?
Das Thema betrifft vor allem Großstädte und Ballungsräume. In vielen Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohner*innen ist die Bevölkerungsdichte bereits gesunken. Besonders stark zeigt sich dieser Rückgang in Köln. Das bedeutet, dass zunehmend Menschen aus den dicht besiedelten Innenstadtbereichen in umliegende Stadtteile oder ins Umland ziehen.Dort sind die Mieten oft günstiger, es ist mehr Wohnraum verfügbar und insgesamt wird mehr Wohnfläche pro Kopf nachgefragt. Aber es betrifft eben nicht nur Großstädte.
Der anhaltende Mangel an bezahlbarem Wohnraum sorgt inzwischen auch in mittelgroßen Städten dafür, dass immer mehr Menschen umziehen müssen. Gleichzeitig zeigt sich ein klarer Trend: Einzelhaushalte beanspruchen immer mehr Wohnfläche. Das verschärft die Situation zusätzlich, weil dadurch weniger passende Wohnungen für Familien, Wohngemeinschaften oder neu hinzuziehende Einzelpersonen zur Verfügung stehen. Ein Grund dafür ist, dass viele Menschen mit älteren, günstigen Mietverträgen in ihren bisherigen – jetzt oft zu großen – Wohnungen oder Häusern bleiben, wenn etwa die Kinder ausziehen. Ein Umzug würde meist deutlich teurer werden und lohnt sich finanziell kaum.
Auf der anderen Seite steigt die Bevölkerungsdichte in einigen mittelgroßen Städten – etwa in Solingen. Dort kommt es stellenweise zu sprunghaften Mietanstiegen. Diese Preissteigerungen eignen sich besonders für den Einsatz mietpolitischer Instrumente, da sie häufig nicht auf einen tatsächlichen Wohnungsmangel zurückgehen, sondern darauf, dass das bestehende Wohnangebot von mehr Menschen nachgefragt und besser angenommen wird.
Auf dem Land ist die Situation insgesamt etwas entspannter: Es gibt weniger Menschen, die eine bezahlbare Wohnung suchen, die Mieten steigen langsamer und die Mietquote ist deutlich geringer. Viele wohnen in den eigenen vier Wänden. Doch auch hier ist passender Wohnraum nicht garantiert: Wohnungen werden oft über persönliche Kontakte vergeben, und gerade kleine Wohnungen sind auf dem Land selten zu finden.
Wen trifft die Wohnungskrise?
Ein Mangel an bezahlbarem Wohnraum trifft vor allem diejenigen, die auf günstige Mietwohnungen angewiesen sind. Je höher das Einkommen, desto größer ist die Chance, in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Wer weniger verdient, ist dagegen meist auf den Mietmarkt angewiesen. Dafür muss oft ein großer Teil des Einkommens aufgebracht werden. Besonders alarmierend: Jede*r dritte einkommenarme Mensch in Deutschland lebt mit einer existenziell bedrohenden Mietbelastung. Das bedeutet, dass nach Abzug der Miete kaum noch Geld für alltägliche Ausgaben bleibt.
Wohnen ist eine neue soziale Frage.
In Haushalten mit höherem Einkommen liegt dieser Anteil deutlich niedriger: Nur 7,3 Prozent der Menschen müssen dort mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Miete aufbringen. Was zunächst nicht so schlimm klingt, ist eigentlich auch hier ein Grund zur Sorge. Denn die Zahl hat sich in nur zwei Jahren verdoppelt. Viele können sich das Wohnen nicht mehr leisten. Die Wohnungskrise trifft zudem diejenigen besonders stark, die als Alleinverdiener* innen eine Wohnung unterhalten müssen. Dies gilt insbesondere für alleinerziehende Personen, aber auch beispielsweise für Rentner* innen. Hinzu kommt eine weitere Ungerechtigkeit: Der Wohnungsmarkt ist auch rassistisch. Menschen mit Migrationsgeschichte haben es in angespannten Märkten deutlich schwerer, überhaupt eine Wohnung zu finden. Von einem fairen Preis ganz zu schweigen. Noch gravierender ist die Lage für Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit.
Was tun gegen die Wohnungskrise?
Dass Wohnen in Deutschland so teuer ist, liegt nicht nur an der Knappheit von Wohnungen, sondern auch an einer Politik, die zu lange auf Marktmechanismen vertraut hat. Effektive Mietregulierung bleibt die Ausnahme: Die Umgehung der Mietpreisbremse ist vielerorts Alltag, und Mietsteigerungen werden kaum kontrolliert. Hier braucht es endlich Durchsetzungskraft und den Mut, Spekulationsgewinne abzuschöpfen, wenn sie auf Kosten der Allgemeinheit entstehen.
Doch klar ist auch: Ein Problem bleibt der Mangel an Wohnungen.
Neue Wohnungen zu bauen ist wichtig. Der sogenannte „Bauturbo“ verspricht schnellere Verfahren, doch er macht das Bauen nicht automatisch günstiger. Wenn Grundstückspreise, Materialkosten und Zinsen steigen, hilft Geschwindigkeit allein wenig. Genossenschaften können hier eine entscheidende Rolle spielen. Sie wirtschaften nicht gewinnorientiert, sondern im Interesse ihrer Mitglieder und sichern so langfristig stabile Mieten. Doch dafür brauchen sie bessere Förderbedingungen: günstige Kredite, einfachere Grundstückszugänge und Vorrang bei kommunaler Bodenvergabe. Auch die öffentliche Hand ist gefragt: Kommunen sollten eigene Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften gründen oder stärken, um wieder selbst gestalten zu können, statt nur zu verwalten und zuzuschauen. Gleichzeitig braucht es neue Wohnkonzepte. Gemeinschaftliches Wohnen – ob als Co-Housing-Projekt, Mehrgenerationenhaus oder geteilte Wohnformen – kann Ressourcen sparen, Einsamkeit vorbeugen und Flächen effizienter nutzen. Ebenso wichtig sind flexible Grundrisse, die sich an unterschiedliche Lebensphasen anpassen lassen, statt starr auf eine Familie zugeschnitten zu sein.
Bauen allein löst die Krise aber auch nicht.
Wir müssen uns auch wieder mehr die Frage stellen, wie Wohnraum eigentlich verteilt ist. Der durchschnittliche Wohnflächenbedarf pro Person steigt nicht nur aufgrund des demographischen Wandels. Dieser Trend begründet sich auch in neoliberalen und individualistischeren Denkmustern. Ihm entgegenzutreten, ohne die wünschenswerte Entfaltungsfreiheit des Einzelnen auf dem Wohnungsmarkt einzuschränken, gehört zu den schwierigsten Aufgaben linker Wohn- und Baupolitik. Ein erster Schritt muss jedenfalls sein, die Wahrheit anzuerkennen, dass auch in der sozialistischen Utopie nicht alle, die wollen, in der 60 Quadratmeter Single-Wohnung in Köln wohnen können.
Und deswegen müssen wir uns als Jusos fragen:
- Wie wollen wir künftig wohnen?
- Wie viel Raum braucht gutes Leben wirklich?
- Wem gehört die Stadt?
Wir sollten diese Debatte wieder lauter führen. Denn nur mit neuen Ideen, Mut zur Umverteilung und einer starken öffentlichen Verantwortung kann Wohnen wieder bezahlbar werden – für alle.
Zu den Autor*innen: Jonas Kamrath (24) will faire Mieten nicht nur im Lipperland, sondern auch am Rhein. Lea Bongers (25) sorgt auch im lokalen Bauausschuss für eine jungsozialistische Politik!



