NRW Jusos – Magazin
Die Revolution hat ein weibliches Gesicht
Wie feministische Bewegungen unter autoritären Tendenzen überleben
Aus dem Magazin (Nr. 34): Krise um Krise erschüttert den Mittleren Osten: die Diktatur der Taliban in Afghanistan, das Mullah-Regime im Iran. Autoritäre Tendenzen nehmen zu und demokratische Hoffnungen erleiden Rückschläge [1]. Besonders Frauen und queere Menschen geraten ins Visier dieser konservativen Regime, denn ihr Streben nach Gleichberechtigung stellt die patriarchale Herrschaft offen in Frage.
Während Kriege und Konflikte toben, drohen mühsam erkämpfte Fortschritte der letzten Jahrzehnte verloren zu gehen. Doch trotz brutalster Repression leben feministische Bewegungen weiter. Mutige Aktivist*innen in Iran, Afghanistan und anderswo riskieren ihr Leben, um dem Patriarchat die Stirn zu bieten und für Selbstbestimmung und Würde zu kämpfen.
Iran: Der Widerstand bleibt bestehen
Im Iran reagiert das klerikale Regime seit über einem Jahr mit gnadenloser Gewalt auf die Aufstandsbewegung unter dem Motto „Jin, Jiyan, Azadi“ – Frauen, Leben, Freiheit [2]. Diese feministische Revolution war nach der tödlichen Gewalt gegen die 22-jährige Jina Mahsa Amini im September 2022 ausgebrochen und breitete sich im ganzen Land aus. Die staatliche Antwort folgte prompt:
Sicherheitskräfte schlugen Proteste blutig nieder, mehr als 20.000 Menschen wurden verhaftet, darunter auch Minderjährige, die in Haft gefoltert wurden [3]. Mehrere Demonstrierende, darunter führende Aktivist* innen, wurden hingerichtet, um die Bevölkerung einzuschüchtern [2]. Trotz dieser Eskalation lassen sich viele Iraner*innen nicht unterkriegen: Selbst nachdem die Massenproteste aus Angst vor Repressionen abgeebbt sind, verweigern immer mehr Frauen im Alltag die vom Regime aufgezwungene Verschleierung [4]. Jede unbedeckte Strähneund jede mutige Geste werden so zum leisen Akt des Widerstands, der die Flamme der Bewegung am Leben hält.
Afghanistan: feministisch und mutig unter großem Risiko
Ein ähnliches Bild zeigt sich in Afghanistan: Seit der Machtübernahme im August 2021 haben die Taliban Frauen faktisch aus dem öffentlichen Leben verbannt [5]. Mädchen dürfen höchstens bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen, Frauen ist der Besuch von Universitäten untersagt, viele Berufe sind für sie tabu. Ohne männliche Begleitung dürfen Frauen und Mädchen kaum das Haus verlassen. Das Regime errichtet ein System der strikten Geschlechtertrennung, das Frauen auf Hausarbeit und Mutterschaft reduzieren will.
Doch auch hier formiert sich Widerstand. In den ersten Monaten wagten afghanische Frauen noch offene Proteste auf den Straßen Kabuls, die von den Taliban brutal niedergeschlagen wurden. Inzwischen finden Demonstrationen meist im Verborgenen statt. So versammelten sich etwa am Internationalen Frauentag 2024 kleine Gruppen mutiger Frauen heimlich, um zu fordern, dass die brutalen Beschränkungen endlich aufgehoben werden [6].
„Unser Schweigen und unsere Angst sind die größte Waffe der Taliban.“,
erklärte eine der Aktivistinnen damals treffend [7].
Gerade deshalb weigern sich viele, zu verstummen: Sie organisieren Untergrundschulen für Mädchen und protestieren weiter, trotz des Risikos von Verhaftung, Folter oder Schlimmerem. Dieser unbeugsame Mut zeigt, dass die feministische Bewegung in Afghanistan lebt, wenn auch im Untergrund.
Das Patriarchat ist weltweit auf dem Vormarsch – stellen wir uns dem entgegen!
Diese Beispiele aus Iran und Afghanistan stehen stellvertretend für viele Regionen, in denen autoritäre Herrscher patriarchale Gewalt gezielt als Mittel der Machtsicherung einsetzen [8]. In Kriegs- und Krisengebieten wird Gewalt gegen Frauen und queere Menschen systematisch instrumentalisiert. Sei es als Kriegswaffe oder um Aufstände im Keim zu ersticken [9]. Doch ebenso global wie die Unterdrückung ist auch der Widerstand:
Feministische Bewegungen lassen sich nicht aufhalten, sondern passen sich an. Verhaftungen, Zensur und Angst mögen offenen Protest erschweren, aber der Kampf geht weiter – in jeder Frau, die trotz Verbot ihre Stimme erhebt, in jedem heimlich verteilten Flugblatt, in jeder solidarischen Geste über Grenzen hinweg. So hallt der Ruf „Frauen.Leben. Freiheit.“ längst über den Iran hinaus:
Von Serbien bis Afghanistan solidarisieren sich Menschen mit den Kämpfenden [10]. Selbst in Kabul protestierten afghanische Frauen vor der iranischen Botschaft aus Solidarität mit ihren Schwestern im Iran, bis die Taliban die friedliche Kundgebung gewaltsam auflöste [11]. Solche Momente machen deutlich, dass die feministische Solidarität grenzenlos ist und den Aktivist*innen Kraft gibt [12].
Für Rechte ein Witz, für Verfolgte eine Hoffnung: feministische Außenpolitik
Als NRW Jusos war für uns immer klar: Unser Einsatz für Freiheit und Gleichheit endet nicht an Landesgrenzen [13]. Wir verstehen uns als internationalistische, feministische Jugendbewegung und stehen fest an der Seite der Frauen im Nahen Osten. Umso mehr fordern wir eine konsequente feministische Außenpolitik, die auf den Prinzipien Rechte, Repräsentation, Ressourcen und Diversität beruht und endlich die Realität patriarchaler Gewalt anerkennt [14]. Das bedeutet:
Regime, die Frauenrechte mit Fü.en treten und geschlechtsspezifische Gewalt als Herrschaftsinstrument einsetzen, müssen international geächtet und sanktioniert werden [15]. Gleichzeitig braucht es sichere Fluchtwege und unbürokratische Asylverfahren für Verfolgte sowie Unterstützung für Überlebende sexualisierter Gewalt, auch das ist Teil einer feministischen Außenpolitik [16]. Vor allem aber darf unsere Solidarität nicht nachlassen. Es ist unsere Aufgabe als Feminist* innen, nicht wegzuschauen, uns zu informieren und laut zu bleiben gegen jede Form von Gewalt. Für alle Betroffenen, in jedem Krisengebiet [17]. Der Kampf für Befreiung ist global. Oder um es mit Audre Lorde zu sagen:
„Wir sind erst frei, wenn wir alle frei sind”[18].
Zur Autorin: Weltweite Krisen prasseln täglich auf uns ein, die Situation in Afghanistan und Iran verliert
Evin Kina aus unserem Landesvorstand (30) dennoch nicht aus den Augen.
Quellen
- NRW Jusos – Verbandsmagazin August 2023: „Überall Krise?! – über Solidarität in Zeiten multipler Krisen“ [13][18][19].
- Jusos NRW – Antrag G2 „Alles Krise? Feministische Antworten auf die Krisen unserer Zeit“ (beschlossen auf dem Juso-Bundeskongress 17.–19.11.2023) – Auszüge zu Afghanistan und Iran. [1] [2] [5] [8] [9] [14] [15] [16] [17]
- Darya Moalim: „Trotz abgeebbter Proteste: Hinrichtungszahlen im Iran erreichen Höchststand seit 15 Jahren“, Nordstadtblogger, 11. November 2025[4][3].
- medica mondiale: „Iran: Feministische Solidarität über Grenzen hinweg“, Meldung vom 21. Oktober 2022 [10][11][12].
- Al Jazeera: „Afghan women stage rare protests, braving Taliban reprisals“, News vom 8. März 2024[6][7].



